Sonntag, 9. September 2018

Sonntagsnotizen - Kirchliches Selbstverständnis?

Gedanken zu Rosch Haschana


Wir haben das Thema unter dem Stichwort "Entweltlichung" immer wieder angesprochen. Wo liegt das Selbstverständnis der Kirche? Wodurch zeichnen sich kirchliche Einrichtungen aus? Ist das wirklich im Wesentlichen die Verweigerung von Vereinbarungen mit Gewerkschaften (die im Übrigen nicht dem weltweit geltenden Kirchenrecht und der katholischen Soziallehre entspricht)?

Man hat insbesondere im Bereich des Arbeitsrechts den Eindruck, dass gewerbliche - wirtschaftliche - Interessen das Selbstverständnis kirchlicher Einrichtungen dominieren.

Wir möchten heute auf eine wichtige Entwicklung hinweisen, die sich in Papst Franziskus konkretisiert:
Nicht nur für die Kirche in Lateinamerika war die Bischofsversammlung in Medellín 1968 ein Meilenstein. Die dort beschriebene "Option für die Armen" prägt Theologie und Kirche bis heute - auch den Papst.
1)

Es ist nicht überraschend, dass Papst Franziskus "rein zufällig" 50 Jahre nach einem solchen Ereignis die Geldgier geißelt:
Papst Franziskus hat das geldzentrierte Wirtschaftssystem für Armut und Ausgrenzung in der Welt verantwortlich gemacht. "Wir können nicht ignorieren, dass ein so strukturiertes Wirtschaftssystem tötet, weil es das Geld in den Mittelpunkt stellt und nur dem Geld gehorcht",
sagte er in diesen Tagen der italienischen Wirtschaftszeitung "Il Sole 24 Ore".
Und "kath.press" (Österreich) berichtet zum gleichen Artikel:
Papst kritisiert Vorrang der Finanzmärkte vor Realwirtschaft

Arbeitslosigkeit in Europa für Franziskus Folge eines Wirtschaftssystems, das den Götzen Geld ins Zentrum stellt - Plädoyer für "neuen Humanismus der Arbeit"



Als Prüfsteine für eine umfassende Entwicklung nannte er die Teilhabe am produzierten Reichtum, die regionale Anbindung von Unternehmen, soziale Verantwortung und Sozialleistungen von Arbeitgebern, Lohngleichheit bei Männern und Frauen sowie gerechte Bezahlung, die Verbindung von Arbeit und Freizeit, Umweltschutz, den Vorrang des Menschen vor der Technik sowie Innovationsfähigkeit.
...


Geldgier in einem auf Kapitalinteressen ausgerichteten Wirtschaftssystem?

Da wären die Gewerkschaften - auch nach der Tradition der päpstlichen Soziallehre - die geeigneten "Gegenspieler", die gemeinschaftlichen Vertreter der Arbeitnehmer als Vertragspartner der Unternehmen.

Mit dem Reichskonkordat hat unsere katholische Kirche leider auch die christlich fundierten Gewerkschaften (Gewerkschaften als "weltlicher Arm" im Kampf gegen die Armut) "geopfert" - sie aus dem Schutzmantel der Kirche gegenüber einer totalitären Ideologie entlassen. Unsere Kirche hat damit in Deutschland den Kontakt zu den Arbeitnehmern verloren. An diesem fortwirkenden Skandal *) trägt die Kirche heute noch.
Mit der Entscheidung für den "Dritten Weg" ist die Distanzierung zu den Gewerkschaften auch nach 1945 manifestiert. Dabei wären die ureigenen, originären Interessen von Gewerkschaft und Kirche in vielen Bereichen konkludent.

Warum also gelingt es nicht, die Sprachlosigkeit zwischen den beiden größten gesellschaftlichen Kräften unseres Landes zu überwinden?

Münsters Bischof Genn hat das "Ende des Klerikalismus" **) gefordert. Und unser Papst meint sogar:
Klerikalismus ist das Hauptproblem der Kirche
Gilt das auch im kirchlichen Arbeitsrecht?

Seien wir doch kreativ - wir brauchen kein "geistiges Alzheimer" ***) sondern - auch als Zeichen der Glaubwürdigkeit - neue Wege !

Bei der Gelegenheit möchten wir heute und angesichts des Buches Joël (2,26) nicht nur unseren älteren Geschwistern alles Gute zu Rosch Haschana wünschen.




Anmerkungen:
1)
Literaturhinweis: [Dokumente von Medellin]: sämtliche Beschlüsse der II. Generalversammlung des Lateinamerikanischen Episkopates, Medellin, 24.8-6.9.1968 bei WorldCat.

*)
Würzburger Synode, Beschluss "Kirche und Arbeiterschaft", Nr. 3.3.1 der Einleitung

**) Zitat:
Klerikalismus bezeichnet das Bestreben, der Geistlichkeit einer Religion mehr Einfluss in einem Staat zu verschaffen, oder das Bestreben, der Geistlichkeit innerhalb einer Religion im Vergleich zu den Laien mehr Gewicht zu geben. In der Philosophie und Politikwissenschaft steht Klerikalismus auch für die Herrschaft des Klerus bzw. der Priester. Innerkirchliche klerikale und antiklerikale Strömungen gibt es heute in den meisten großen christlichen Kirchen mit zyklisch wechselndem Übergewicht.
Quelle: Domradio (Köln)

***)
Papst Franziskus im Jahresrückblick Dezember 2014

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