Die Kündigung eines Arbeitsverhältnisses wegen des von einer Arbeitnehmerin gegenüber der zuständigen staatlichen Stelle erklärten, im Übrigen nicht publik gemachten Kirchenaustritts benachteiligt diese in unzulässiger Weise wegen ihrer Religion, wenn ihr kirchlicher Arbeitgeber mit den gleichen Aufgaben auch Personen beschäftigt, die nicht Mitglied dieser Kirche sind.
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... Die Kündigungen sind unwirksam. Der Wirksamkeit der außerordentlichen fristlosen Kündigung steht bereits entgegen, dass der Beklagte die zweiwöchige Kündigungserklärungsfrist gemäß § 626 Abs. 2 BGB nicht eingehalten hat. Zudem benachteiligen die vom Beklagten aufgestellten Anforderungen, auf deren Verletzung er die Kündigungen stützt, die Klägerin unmittelbar wegen ihrer Religion iSv. §§ 1, 3 Abs. 1, § 7 AGG, ohne dass dies gemäß § 9 Abs. 1 Alt. 2 bzw. § 9 Abs. 2 AGG gerechtfertigt ist. Die vom Beklagten für von ihm beschäftigte Arbeitnehmer, die Mitglied der katholischen Kirche sind, aufgestellte berufliche Anforderung, nicht aus dieser Kirche auszutreten bzw. nach dem erfolgten Austritt wieder einzutreten, ist weder nach der Art der beruflichen Tätigkeit der Klägerin noch den Umständen ihrer Ausübung angesichts des Selbstverständnisses des Beklagten wesentlich. Um die geschuldeten Aufgaben als Sozialpädagogin erfüllen zu können, muss die Klägerin nicht Mitglied der katholischen Kirche sein. Dies ergibt sich schon daraus, dass der Beklagte zum Zeitpunkt der Kündigung auch nicht-katholische Beschäftigte mit den Aufgaben der Schwangerschaftsberatung betraute. Der gegenüber der zuständigen Stelle erklärte, im Übrigen nicht publik gemachte Kirchenaustritt der Klägerin allein stellt aus diesem Grund auch keinen Loyalitätsverstoß iSd. § 9 Abs. 2 AGG dar, der eine Benachteiligung rechtfertigt. Aus dem bloßen Austritt folgt nicht, dass die Klägerin die Beratung von Schwangeren zukünftig nicht mehr in der von dem Beklagten verlangten Art und Weise erbringen wird. Die von ihr geltend gemachten Zahlungsansprüche stehen der Klägerin damit ebenfalls zu.
Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 5. November 2026 – 2 AZR 196/22 – Vorinstanz: Hessisches Landesarbeitsgericht, Urteil vom 1. März 2022 – 8 Sa 1092/20 –
Hinweis: In einem weiteren vom Zweiten Senat am heutigen Tag verhandelten Verfahren (- 2 AZR 34/25 -), das die Kündigung eines nebenberuflichen Chorleiters wegen Austritts aus der katholischen Kirche betraf, haben die Parteien einen Vergleich geschlossen.
Die aktuelle Entscheidung des Bundesarbeitsgerichts wird sicher auch in den Medien gewürdigt werden. Mit einem weiteren Artikel setzt sich beispielsweise die ZEIT mit dem Thema auseinander:
Bundesarbeitsgericht: Kirchenaustritt darf kein pauschaler Kündigungsgrund seinDer Artikel weist auf weitere Veröffentlichungen der ZEIT hin:
Kirchliche Arbeitgeber haben viele Sonderrechte. Das Bundesarbeitsgericht schränkt jetzt ein wichtiges ein: Wer austritt, darf nicht mehr automatisch gekündigt werden
. Quelle: DIE ZEIT, KNA, lrö
Aktualisiert am 5. November 2026, 16:46 Uhr
Ein bloßer Kirchenaustritt darf keine pauschale Kündigung durch katholische Arbeitgeber nach sich ziehen. Das Bundesarbeitsgericht entschied in Erfurt, dass die entsprechende Kündigung einer Mitarbeiterin in der Caritas-Schwangerenberatung aus dem Jahr 2019 unwirksam ist.
Das Gericht urteilte, die Kündigung aufgrund eines Kirchenaustritts stelle eine unzulässige Benachteiligung wegen der Religion dar, wenn der kirchliche Arbeitgeber mit den gleichen Aufgaben auch Personen beschäftige, die nicht Mitglied dieser Kirche seien.
Die Kirche wertete den Austritt als bewussten Akt der Distanzierung und als schwerwiegenden Verstoß gegen die Loyalitätspflicht. Er gehört zu den schwersten Vergehen gegen den Glauben und die Einheit der Kirche.
Das Gericht verwies darauf, dass die Klägerin ihren Austritt nur vor der zuständigen staatlichen Stelle erklärt und nicht weiter publik gemacht habe. Insofern stelle der Austritt allein keinen Loyalitätsverstoß dar. Zudem könne die Klägerin Schwangere auch nach ihrem Kirchenaustritt entsprechend der christlichen Vorgaben des Arbeitgebers beraten.
Die Erfurter Richter folgten im Wesentlichen der Argumentation des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) vom März, dem sie den Fall zur Klärung vorgelegt hatten.
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Bundesarbeitsgericht: Kirchenaustritt als Kündigungsgrund – ist das rechtens?
Kirchenaustritt als Kündigungsgrund – ist das rechtens?
Nach ihrem Austritt aus der Kirche kündigte die Caritas einer Mitarbeiterin. Der Fall war schon vor dem EuGH. Am Vormittag urteilt das höchste deutsche Arbeitsgericht.
Von Lisa Röther
5. November 2026, 7:42 Uhr
Kirchliches Arbeitsrecht: Gäbe es ein elftes Gebot, es wäre: Gehe in Würde
Kirchen-Arbeitsrecht: Wie loyal müssen kirchliche Mitarbeiter sein?
Weitere Medienberichte:
BECK aktuell: Kirchenaustritt im Arbeitsrecht - Katholischer Träger durfte Sozialpädagogin nicht kündigen
DER BETRIEB: Kirchenaustritt allein rechtfertigt keine Kündigung
Evangelisch.de: Bundesarbeitsgericht - Kirchenaustritt muss kein Kündigungsgrund sein
Katholisch.de: Bundesarbeitsgericht entscheidet - Urteil: Kirchenaustritt darf kein pauschaler Kündigungsgrund sein
LTO – Legal Tribune Online: BAG stärkt Beschäftigte kirchlicher Arbeitgeber - Kündigung wegen Kirchenaustritts unwirksam
N-TV: Unzulässige Benachteiligung - Bundesarbeitsgericht: Keine Kündigung nach Kirchenaustritt
Das aktuelle Urteil des BAG ist nicht überraschend. Wir haben über die Entscheidungen des EuGH im Kontext mit Kündigungen "wegen Kirchenaustritts" bereits öfter berichtet.









