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Freitag, 18. Oktober 2019

Deutsche Kirche - und der Vatikan

Es gibt viele Dinge in der Geschichte der Kirche, die von Deutschland ausgegangen sind und im Vatikan nicht auf Freude stießen. Wir brauchen dabei nicht unbedingt an Luther zu denken, auch wenn die Haltung der nationalen "Deutschen Kirche" maßgeblich für die Umsetzung der historisch schwer belasteten und gegen die katholische Soziallehre gerchteten Ideologie einer "Dienstgemeinschaft" war.
 
Auch heute wird die Deutsche Kirche im Vatikan aufmerksam beobachtet, nun aber stehen die Katholiken selbst im Fokus. Die Irritationen um den "Synodalen Weg" sprechen eine mehr als deutliche Sprache. Nun hat der der aus Baden-Württemberg stammende Privatsekretär des emeritierten Papstes Benedikt XVI., Erzbischof Georg Gänswein, erneut auf die Sorgen Benedikts hingewiesen. Benedikt, der die katholische Kirche in Deutschland wohl kennt wie kaum ein anderer, mache sich "große Sorgen um die Lage der Kirche in Deutschland. Die derzeitige Situation schmerze den 92-Jährigen":
 
Er liebe die Kirche des Landes, doch "vieles von dem, was er nun von dort erfährt und erlebt", schmerze ihn. .... Dass Benedikts Befürchtungen sich bestätigten, sei für ihn keine Genugtuung oder Trost ... Mittlerweile gebe es in der Kirche in Deutschland "in vieler Hinsicht eine große Verwirrung". Viele Gläubige würden die Vorgaben des Katechismus kaum mehr ernstnehmen und sich nicht nach der Lehre der Kirche richten.
 
 
Was die genannten Befürchtungen betrifft, müssen wir auf zwei eindringliche Ermahnungen hinweisen, die wir immer wieder ansprechen:
  1. Benedikts Appell zur Anwendung von "Laborem Exercens" anlässlich seiner Abschiedsansprache auf dem Flughafen Erding
  2. Benedikts Aufruf zur "Entweltlichung" anlässlich der "Konzerthausrede" in Freiburg
Es ist erschreckend, wie wenig davon aufgenommen und umgesetzt wird. Die Deutsche Kirche dreht und wendet sich um den eigenen Bauchnabel, hält verzweifelt an längst überholten "Selbstbestimmungsansprüchen" fest und versteht nicht, dass Glaubwürdigkeit auch die Umsetzung der päpstlichen Soziallehre verlangt, auch im eigenen Betrieb.
Glaubwürdigkeit - das fängt mit dem Zugangsrecht von Gewerkschaftern in kirchlichen Einrichtungen an, die aktuell im Erzbistum Bamberg wieder in Frage gestellt wird. *)
Glaubwürdigkeit - das beinhaltet die Sozialpartnerschaft mit Gewerkschaften, wie das päpstliche Lehramt immer wieder deutlich macht,
Glaubwürdigkeit - das heißt auch, die Vorgaben der im Katechismus dokumentierten kirchlichen Lehre in den eigenen Einrichtungen umzusetzen, es - zumindest - zu versuchen.



*)
"Ich habe die Pflicht mich zu äußern, wenn die Dinge, meiner Meinung nach, einen verwerflichen Gang nehmen." (Indianerweisheit)

Can. 212 — § 3 Entsprechend ihrem Wissen, ihrer Zuständigkeit und ihrer hervorragenden Stellung haben sie (die Gläubigen) das Recht und bisweilen sogar die Pflicht, ihre Meinung in dem, was das Wohl der Kirche angeht, den geistlichen Hirten mitzuteilen und sie unter Wahrung der Unversehrtheit des Glaubens und der Sitten und der Ehrfurcht gegenüber den Hirten und unter Beachtung des allgemeinen Nutzens und der Würde der Personen den übrigen Gläubigen kundzutun.
Can. 221 — § 1. Den Gläubigen steht es zu, ihre Rechte, die sie in der Kirche besitzen, rechtmäßig geltend zu machen und sie nach Maßgabe des Rechts vor der zuständigen kirchlichen Behörde zu verteidigen. (Codex Iuris Canonici)

Eine tarifzuständige Gewerkschaft darf sich an Arbeitnehmer über deren betriebliche E-Mail Adressen mit Werbung und Information wenden. Die Entscheidung einer Gewerkschaft, Arbeitnehmer auf diesem Weg anzusprechen ist Teil ihrer im Grundgesetz geschützten Betätigungsfreiheit. BAG Rechtssprechung.

Sonntag, 28. März 2021

Sonntagsnotizen - und Presseecho (9): "Diese Woche hat beispielhaft gezeigt, wie sehr die katholische Kirche sich von ihren Gläubigen entfremdet hat."

meint die Süddeutsche Zeitung in einem Kommentar vom 21. März und führt aus:
Die Geschwindigkeit, mit der es nun hohe Geistliche hinwegfegt, ist für katholische Verhältnisse atemberaubend. Man kann das Gutachten durchaus kritisieren für seine rein juristische Perspektive. Doch die Wirkung ist schon jetzt unbestreitbar. Hinter den 18. März kommt die Kirche insgesamt nicht mehr zurück. In vielen deutschen Bistümern wird man die Nachrichten aus Köln mit wachsendem Unbehagen verfolgen. Irgendwann wird der Nebel sich ganz verziehen, und dann stehen sie da, die Brüder.

Diese Einschätzung der Süddeutschen Zeitung korrespondiert mit dem Ergebnis einer Umfrage, die "katholisch.de" sowie "Kirche und Leben" am Freitag veröffentlichten:
Jeder Vierte denke über Austritt nach
Umfrage: Katholische Kirche hat massiv an Glaubwürdigkeit eingebüßt
"Die katholische Kirche in Deutschland hat in den letzten Monaten an Glaubwürdigkeit verloren": Bei einer neuen Erhebung erhält diese Aussage große Zustimmung. Dazu erwäge jeder Vierte, aus der Kirche auszutreten – aus verschiedenen Gründen.
...

Und die Zeitschrift PUBLIK Forum bringt als Schlagzeile:
Lügen! Vertuschen! Diskriminieren! Jetzt gilt es, Farbe zu bekennen

das vatikanische Verbot, gleichgeschlechtliche Paare zu segnen, hat einen Proteststurm unter Gläubigen, Theologen und Bischöfen entfacht. Ordensleute hissen die Regenbogenflagge am Kirchturm. Schockierend ist zudem, was ein Gutachten zum Missbrauch im Erzbistum Köln ans Licht gebracht hat. Der Druck auf Kardinal Woelki wächst.

Donnerstag, 21. Februar 2019

Heute beginnt im Vatikan eine der wichtigsten Konferenzen der Kirchengeschichte.

Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung meint:
Papst Franziskus hat die Vorsitzenden aller Bischofskonferenzen und aller Ordensgemeinschaften nach Rom zitiert. Das Treffen trägt nicht den Namen Konzil, aber es ist ein Konzil: Es ist ein Konzil der Schande, der Buße und, so hoffen viele empörte Christen, der radikalen Umkehr.

Sonntag, 30. Juni 2024

Sonntagsnotizen - Glaubwürdigkeit und der Papst als Mahner: fünf Jahre Papstbrief nach Deutschland

Jedes Jahr wird zu Beginn des Sommers über neue Austrittswellen aus der katholischen Kirche berichtet. Auch wir haben die aktuellen Zahlen wieder einmal zum Anlass genommen, auf die Glaubwürdigkeitsprobleme unserer Kirche hinzuweisen. Tatsächlich tendien - so katholisch.de -
drei Viertel der katholischen Befragten ... zu einem Kirchenaustritt.
Über die Gründe lässt sich treffend spekulieren. Wir sehen als wesentlichen Grund ein "Glaubwürdigkeitsproblem". Die Kirche kann nicht "Wasser predigen" und zugleich "Wein saufen".

Kardinal Woelki lenkt nun die Aufmerksamkeit auf ein wesentliches "Sommerloch-Ereignis", einen "Brief aus Rom":
...
"Mal ehrlich: Wer hat dieses Schreiben eigentlich wirklich gelesen?", fragt Woelki. Dabei habe der Papst immer und immer wieder betont, wie wichtig ihm gerade dieser Brief sei.
Am 29. Juni 2019 schrieb Papst Franziskus einen Brief "an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland".
...
Laut Woelki hat der Papst einen Monat lang an dem Brief geschrieben. "Eigenhändig in freien Stunden. So wichtig war es ihm,
...
Kein anderes Volk hat von ihm einen solchen, schon historisch zu nennenden Brief erhalten", so der Kardinal. (KNA)
(Quelle: katholisch.de) *)

Im Juni 2022 - also vor nunmehr zwei Jahren - führte der Papst in einem Interview mit der Jesuiten-Zeitschrift »La Civiltà Cattolica « erneut im Kontext zu aktuellen Debatten in der deutschen katholischen Kirche aus:
»In Deutschland gibt es eine sehr gute evangelische Kirche. Wir brauchen nicht zwei davon«:
(Quelle).

Im Juli 2022 folgte eine kurze namenlose Erklärung des Heiligen Stuhls zum Synodalen Weg.
Die Erklärung des Heiligen Stuhls im Wortlaut Zur Wahrung der Freiheit des Volkes Gottes und der Ausübung des bischöflichen Amtes erscheint es notwendig klarzustellen: Der "Synodale Weg" in Deutschland ist nicht befugt, die Bischöfe und die Gläubigen zur Annahme neuer Formen der Leitung und neuer Ausrichtungen der Lehre und der Moral zu verpflichten.

Es wäre nicht zulässig, in den Diözesen vor einer auf Ebene der Universalkirche abgestimmten Übereinkunft neue amtliche Strukturen oder Lehren einzuführen, welche eine Verletzung der kirchlichen Gemeinschaft und eine Bedrohung der Einheit der Kirche darstellen würden. In diesem Sinne rief der Heilige Vater in seinem Schreiben an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland in Erinnerung: "Die Weltkirche lebt in und aus den Teilkirchen, so wie die Teilkirchen in und aus der Weltkirche leben und erblühen; falls sie von der Weltkirche getrennt wären, würden sie sich schwächen, verderben und sterben. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, die Gemeinschaft mit dem ganzen Leib der Kirche immer lebendig und wirksam zu erhalten." Daher ist es wünschenswert, dass die Vorschläge des Weges der Teilkirchen in Deutschland in den synodalen Prozess, auf dem die Universalkirche unterwegs ist, einfließen mögen, um zur gegenseitigen Bereicherung beizutragen und ein Zeugnis der Einheit zu geben, mit welcher der Leib der Kirche seine Treue zu Christus, dem Herrn, bekundet.
Quelle - klick

Allen Dokumenten eigen ist der nahezu flehentliche Aufruf, das Papstprimat und die Einheit mit der Weltkirche zu beachten - um der eigenen Glaubwürdigkeit willen. So wird im päpstlichen Schreiben unter Nr. 6 ausgeführt:
„Daher erscheint es mir wichtig, das nicht aus den Augen zu verlieren, was „die Kirche wiederholt gelehrt hat, ...“

Der unbefangene Betrachter mag jetzt rätseln, wo denn die deutsche katholische Kirche in Abkehr und Distanz zur Weltkirche, in einer regelrechten Abfuhr zu dem, "was die Kirche wiederholt gelehrt hat", aber in Gemeinsamkeit mit der evangelischen Kirche so an "amtlichen Strukturen oder Lehren" eingeführt hat und pflegt - oder zumindest einführen will. Im Vordergrund werden dann immer Themen wie Frauenweihe oder Zölibat genannt. Aber - das alles scheint keine ernsthafte Realisierungschance zu haben.

Was also dann?
Uns liegt dann immer ein Thema am Herzen: die historisch belastete "Ideologie der Dienstgemeinschaft", die alle diese kritischen Punkte in sich vereinigt und wie ein Krebsgeschwür in der katholischen Kirche in Deutschland (und nur dort) wuchert.
Wer die katholische Soziallehre glaubhaft vertreten will, der darf sich nicht zum Verteidiger des "Dritten Weges" aufschwingen.

Oder, um es auf auf gut bayrisch den Punkt zu bringen:
Leit', bleibt's halt katholisch und sorgt's dafür, dass d'Kirch a wieda katholisch werd !


Anmerkungen:
*) Für alle, die den Text des päpstlichen Schreibens nachlesen wollen: es ist hier veröffentlicht (Klick).

Samstag, 31. August 2013

"Die Zukunft der sozialen Marktwirtschaft ist ohne starke Gewerkschaften nicht denkbar"

... ruft Kardinal Marx, und die katholische Kirche sei der Freund der Arbeitnehmer (SZ, 22.08.2013). So mancher "christliche" Arbeitgeber reibt sich da verwundert die Augen.
- Ist es nicht so, dass Gewerkschaft und Kirche ein Verhältnis haben wie Teufel und Weihwasser?
- Ist es nicht so, dass Gewerkschafter um Zutrittsrechte und "Schwarze Bretter" in kirchlichen Einrichtungen kämpfen müssen?
- Geht nicht das Gerücht, mit dem "Übel", vor dem uns der Herr bewahren möge, seien vor allem die Gewerkschaften und ihre Mitglieder gemeint?

"Laborem exercens" und "Entweltlichung" - päpstliche Empfehlungen für Deutschland

Donnerstag, 31. Dezember 2015

Medienrückblick - 40 Jahre Synodenbeschluss "Kirche und Arbeiterschaft"

Den letzten Medienrückblick des Jahres möchten wir einem Jubiläum widmen, das für Kirche und Gewerkschaft in Deutschland gleichermaßen wichtig sein sollte - und das leider nur wenig Echo in den Medien gefunden. Vierzig Jahre sind seither vergangen.

Samstag, 19. April 2025

Gedanken zum Karsamstag: Kirchenaustritte nehmen weiter zu - in Bayern gehören nur noch gut die Hälfte der Bevölkerung der katholischen oder evangelischen Kirche an.

das berichtet SAT 1 und stellt die Frage, welche Folgen das für den Freistaat hat (siehe auch Youtube). BR24 erklärt anlässlich der offiziellen Bekanntgabe Ende März sogar:
... Nirgends treten so viele Katholiken aus wie in Bayern
Bei den Austritten aus der katholischen Kirche liegt Bayern nach Angaben der Deutschen Bischofskonferenz im Bundesvergleich an der Spitze. Selbst im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen kehrten nicht so viele Katholiken ihrer Kirche den Rücken (86.946 Austritte) wie im traditionell überwiegend katholisch geprägten Freistaat. (Anm.: siehe auch der Bericht des Merkur)

Sinkende Kirchenmitgliedszahlen gefährden soziale Einrichtungen
Laut Kirchenstatistik für das Jahr 2024 gehören damit noch gut 5,5 Millionen Menschen in Bayern der katholischen Kirche an - das sind rund 41 Prozent der Bevölkerung. Gut 2,0 Millionen Menschen sind Mitglied der evangelischen Kirche, das sind rund 15 Prozent der bayerischen Bevölkerung. Zusammengerechnet ergibt sich, dass nur noch etwa 56 Prozent der Bayern Mitglied einer der beiden großen christlichen Kirchen ist. Freikirchen und orthodoxe Kirchen werden nicht mitgezählt.

Der Rückgang der Kirchenmitglieder hat inzwischen zur Folge, dass sowohl die katholische als auch die evangelische Kirche, die auch zahlreiche soziale Einrichtungen wie Krankenhäuser oder Kindergärten tragen, sparen müssen, ihre Angebote einschränken und in Einzelfällen sogar Kirchen schließen müssen.
Die Zahlen sind dramatisch - auch wenn man die Eintritte und Taufen dagegen rechnet. Nur 340 Menschen traten neu in die katholische Kirche ein, dazu kamen 1.455 Wiederaufnahmen und 38.123 Taufen gegenüber 87.184 Austritten für die katholische Kirche und 39.486 die evangelische. Das ist ein Verlust von rund 40.000 Menschen alleine durch den Überhang der Austritte. Wenn man dann auch noch die Sterbefälle in die Rechnung einbezieht, dann offenbart sich die ganze Dramatik der Situation.

Nach unserer Überzeugung spiegelt die Statistik einen Vertrauensverlust wieder, der aus dem Verlust der Glaubwürdigkeit kirchlichen Lebens resultiert. Vielleicht wäre es gut, wenn die Verantwortlichen den letzten Tag der Karwoche, den Karsamstag mit der Erwartung der Auferstehung, nutzen würden, um über die Austrittsgründe zu reflektieren - und zu überlegen, wie das Aussterben der Gläubigen beendet und die Glaubwürdigkeit der Kirche wiederbelebt werden kann.

Kardinal Wetter meint dagegen:
„Für die Kirche gibt es Wichtigeres als die Zahl ihrer Mitglieder.“ Mit diesen deutlichen Worten machte der Münchner Kardinal Reinhard Marx am Mittwochabend im Münchner Dom deutlich, worauf es in der Kirche wirklich ankomme.

In seiner Predigt bei der Chrisammesse betonte er, dass Kirchenaustritte zwar beunruhigend seien, doch viel bedeutsamer sei die Frage, ob die Gottesdienste wirklich mitgefeiert würden. Erst dann könne die Liturgie zu einer bewegenden Erfahrung werden, wenn „wir uns bemühen, nicht uns selber in den Mittelpunkt zu stellen. Nicht zu fragen, gefalle ich den Leuten, sondern ob ein Raum geöffnet wird für die Begegnung mit Christus.“
....
(zitiert nach Radio Vatikan)

Samstag, 1. August 2015

Seit heute gilt in den meisten deutschen Bistümern eine neue Grundordnung

Wie wir gestern in unserem Blogbeitrag schon erörtet haben, gibt es in den meisten der deutschen Bistümer seit heute eine neue Fassung der Grundordnung (GrO). Ausgenommen sind das Erzbistum Berlin (das derzeit ohne Bischof ist und in dem daher keine neue Fassung in Kraft gesetzt werden kann) und die drei bayerischen Bistümer Eichstätt, Passau und Regensburg.

Was ändert sich?

Sonntag, 15. Oktober 2023

Sonntagsnotizen: "Wir müssen bei Punkten, die die Glaubwürdigkeit der Kirche mit beschädigt haben, Veränderungen herbeiführen"

"Wir müssen bei Punkten, die die Glaubwürdigkeit der Kirche mit beschädigt haben, Veränderungen herbeiführen", fordert Kardinal Reinhard Marx. Dabei gehe es nicht um eine Anpassung an den Zeitgeist. Auch an der AfD übt der Münchner Erzbischof Kritik.

Der Münchner Kardinal Reinhard Marx hat seine Unterstützung für bestimmte Reformforderungen in der katholischen Kirche bekräftigt. "Die Stellung der Frau in der Kirche, eine Sexualmoral, die viele als nicht verständlich empfinden, die Frage der Kontrolle der Macht – hier auch weiterzukommen, ist Voraussetzung dafür, um neu Fahrt aufzunehmen", sagte Marx in einem am Wochenende veröffentlichten Interview mit der Mediengruppe Bayern. "Wir müssen bei Punkten, die die Glaubwürdigkeit der Kirche mit beschädigt haben, Veränderungen herbeiführen." ...
(Quelle)
Auf die Differenz zwischen der eigenen katholischen Soziallehre (Gewerkschaftsprinzip) und der gelebten Praxis (sogenannte "Dienstgemeinschaft") und die Auswirkungen bezüglich der Glaubwürdigkeit der Kirche haben wir ja immer wieder hingewiesen. Ob der Kardinal das auch im Blick hat?

Sonntag, 12. Mai 2019

Sonntagsnotizen - Kirchenstreik "Maria 2.0"

Mit einem Gottesdienst im Freien in Münster hat eine bundesweite Aktion für mehr Frauenrechte in der katholischen Kirche begonnen. Es wäre mit unserem Blog und seinen Intentionen nicht vereinbar, wenn wir diesen "Kirchenstreik" nicht auch ansprechen würden. Auch wir gewerkschaftlich organisierte Mitarbeiter*innen im kirchlichen Dienst sind Kirche - und von den strukturellen Schwächen der Kirche ebenso getroffen wie viele andere. Daher also ein kleiner Ausflug auf die aktuellen Aktivitäten:
Unter dem Motto "Maria 2.0" fordern die Initiatorinnen Frauen, aber auch Männer auf, eine Woche lang keine Kirchen zu betreten und ehrenamtliche Tätigkeiten ruhen zu lassen.
berichtet die Tagesschau (Quelle), und führt weiter aus:
Der Protest richtet sich gegen Machtstrukturen in der Kirche und die Vertuschung von sexuellem Missbrauch durch Amtsträger. Neben dem Zugang von Frauen zu allen Kirchen-Ämtern fordern die Initiatorinnen unter anderem auch die Aufhebung des Pflichtzölibats und eine umfassende Aufklärung von Missbrauchsfällen in der Kirche.

Nun ist der Zugang von Frauen auch für Weiheämter nicht unbedingt unser gewerkschaftliches Thema. Wir wären schon zufrieden, wenn die katholische Kirche wenigstens das eigene weltweit geltende Kirchenrecht und die päpstlichen Enzykliken zur Soziallehre einhalten würde.
Das aber ist aufgrund der Machtstrukturen der Kirche derzeit nicht gegeben. Auch hier weigert sich "Kirche" also, die eigenen Erkenntnisse unter anderem zur gewerkschaftlichen Betätigung (Mater et magistra, insbesondere Nr. 97 ff; Laborem exercens . insbesondere Ziffer IV.- um nur einige zu nennen) selbst umzusetzen. Auch hier ist die Scheu, Macht abzugeben, offensichtlich. Das kirchliche Arbeitsrecht geht durchgehend davon aus, die Beschäftigten nicht als Partner sondern als Diener wahrzunehmen, die sich bis in die private Lebensführung hinein den Vorstellungen einer kleinen Männergruppe beugen und bei Verstößen mit der (zumindest wirtschaftlichen) Existenzvernichtung bedroht sind. Christentum als Religion von Freiheit und Erlösung? Von "Glaubwürdigkeit" kann so nicht mehr gesprochen werden.
Die gleichen Ursachen für einen Belastung der Kirche also, mit der die Frauenbewegungen kämpfen und mit der auch wir uns herumschlagen.
Dazu passt dann auch die aktuelle Meldung von Radio Vatikan:

Laien-Gremium „auf Augenhöhe“ mit Bischöfen.
Das höchste Gremium des deutschen Laien-Katholizismus will „auf Augenhöhe“ mit den Bischöfen über Reformen in der Kirche beraten und erwartet dabei konkrete Ergebnisse.
… Die Deutsche Bischofskonferenz hatte infolge der im Herbst veröffentlichten Missbrauchsstudie einen „verbindlichen“ gemeinsamen Gesprächs- und Reformprozess angeregt. Dabei sollen Machtabbau, die Zulassung zu kirchlichen Weiheämtern, der Pflichtzölibat und die Sexualmoral Themen sein. …
... Beim synodalen Weg werde es um Fragen der Macht, des Amtes in der Kirche und die Sexualmoral gehen.

Wenn es jetzt auch einmal um das spezifisch deutsche, spezifisch kirchliche Arbeitsrecht gehen würde, wären auch wir einen Schritt weiter. In diesem Sinne können wir dem Kirchenstreik "Maria 2.0" nur viel Erfolg wünschen, zumindest was einen Denkprozess bewirkt.


weitere Links zum Kirchenstreik der Frauen:
katholisch.de - "Maria 2.0": Warum Frauen keinen Fuß mehr in die Kirche setzen
Kirche + Leben: Bischof Bode findet „Maria 2.0“ gut – Kirchenstreik der Frauen

Süddeutsche Zeitung: Aufstand der Frauen 

Nachtrag - inzwischen auch bei Radio Vatikan angekommen:
Die deutschen Bistümer reagieren unterschiedlich auf die Proteste der katholischen Fraueninitiative, die unter dem Namen „Maria 2.0" noch bis Samstag laufen. Viele zeigen sich zurückhaltend oder ablehnend, einige wenige begrüßen den Kirchenstreik ausdrücklich.

Dienstag, 8. Dezember 2015

50 Jahre "II. Vatikanum" - Ad limina und Katakombenpakt

Bereits am 25. November haben wir auf das heute beginnende "Jahr der Barmherzigkeit" hingewiesen. Wir können unseren heutigen Blogbeitrag daher mit einem etwas geänderten Schwerpunkt einbringen.

Alle 67 Bischöfe und Weihbischöfe aus Deutschland, alle Mitglieder der Deutschen Bischofskonferenz, waren ab Mitte November in Rom, um im Vatikan Bericht über Ihre Bistümer zu erstatten. Die "Visitatio ad limina Apostolorum" (der offizielle Ausdruck für den Besuch der Bischöfe an den Gräbern der Apostel Petrus und Paulus) dient der Verbundenheit der diözesanen Bischöfe mit der Weltkirche genauso wie der Besinnung auf die Wurzeln der Kirche.

Samstag, 1. Januar 2022

Samstagsnotizen: Wie weiter mit unserer katholischen Kirche? (1)

In einem unmissverständlich klaren Interview hat sich Erzbischof Dr. Gänswein, Privatsekretär des emeritierten Papstes Benedikt XVI., zum Synodalen Weg geäussert. Einige Passagen sind hier zum Nachlesen wiedergegeben. Wir dokumentieren einige der Texte auch in unserem Blog, obwohl wir uns aus den theologischen Diskussionen auch um mißbrauchende Triebtäter und vertuschende Obere heraus halten müssen - und wollen, aber ein wesentlicher Kern der Aussagen ist auf das kirchliche Arbeitsrecht als "Mittel zum Machterhalt" anzuwenden - gute Arbeitsbedingungen werden nicht fair zwischen starken Gewerkschaften und der Amtskirche vereinbart, sondern (nur in Deutschland) zwischen Verbandsfunktionären verhandelt und dann per "Gnadenakt" gewährt.
Wie wir dazu kommen:

Sonntag, 15. November 2020

Sonntagsnotizen - Amtsmissbrauch und kein Ende

EIN KOMMENTAR VON UNSEREM REDAKTIONSMITGLIED ERICH SCZEPANSKI


In der letzten Woche hat es mehrere Schlagzeilen gegeben, die ein Schlaglicht auf das Amtsverständnis kirchlicher Würdenträger werfen. Der "Kölner Stadtanzeiger" meint zum "Krisenthema im Vatikan":
Dubiose Finanzströme, wiederkehrende Missbrauchsskandale und ein geschasster Kardinal zeugen von Turbulenzen.

Gestern stellte die Neue Züricher Zeitung (NZZ) einen ausführlichen Bericht über einen "Machtkampf zwischen zwei Kardinälen, in dem es um Korruption und undurchsichtige Geschäfte geht" online.
Am 11.11. berichtete das Domradio
Der McCarrick-Bericht: Analyse vatikanischer Personalpolitik
Aufstieg und Fall eines begnadeten Bischofs und Kardinals
Mit dem "McCarrick-Report" legt der Vatikan eine ungewöhnliche Selbstanalyse der Verfahren seiner Personalpolitik vor. Wie valide diese ist und welche weiteren Lehren zu ziehen sind, muss sich noch zeigen.


Ein persönlicher Brief des damaligen Erzbischofs Theodore McCarrick im August 2000 an den päpstlichen Privatsekretär Stanislaw Dziwisz war eine entscheidende Wende, dass der smarte, engagierte US-Geistliche aus New York auch Kardinal und in der Folge einer der einflussreichsten und gefragtesten US-Kirchenvertreter werden konnte. Dies ist nur eine Erkenntnis aus dem am Dienstag veröffentlichten Untersuchungsbericht. In den 460 Seiten geht es gar nicht um McCarricks Fehlverhalten. Das Urteil über ihn ist schon gefällt: Entlassung aus dem Klerikerstand wegen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen. Der sogenannte "McCarrick-Report" soll vielmehr das Versagen der Kurie und der Kirche in den USA aufklären.
...

Deutlich wird, dass es nicht eine Entscheidung allein, nicht ein einzelner Verantwortlicher war - sondern dass auch das klerikale System Fehleinschätzungen beförderte und Hinweise auf Versagen unterdrückte.
...
(Link zum Bericht über den "McCarrick-Report" bei Radio Vatikan; der Bericht stützt sich auf Dokumente mehrerer Vatikanbehörden, vier US-Diözesen, zweier US-Seminare und der US-Botschaft des Vatikan. Er wertet Aussagen von 90 Personen aus, darunter auch von Missbrauchsopfern McCarricks
Link zum Leitartikel bei Radio Vatikan)

Mit dem im Domradio genannten päpstlichen Privatsekretär Stanislaw Dziwisz wird ein weiterer Name genannt, der - ebenfalls am 11.11. - zu einem Bericht der Tagesschau führte:
Missbrauchsskandal
Polens katholische Säulen wanken
Stand: 11.11.2020 11:34 Uhr

In Polen hat die katholische Kirche einen hohen Stellenwert - unantastbar ist sie aber längst nicht mehr. Eine Reportage greift nun den ehemaligen Privatsekretär von Papst Johannes Paul II. wegen mutmaßlicher Vertuschung und Bestechung an.

Von Jan Pallokat, ARD-Studio Warschau

Kardinal Stansilaw Dziwisz, dem jetzt eine Reportage abermals die Vertuschung von Missbrauch in der katholischen Kirche im großen Stil und sogar Bestechlichkeit vorwirft, ist in Polen nicht irgendwer: Er war der langjährige Privatsekretär von Papst Johannes Paul II. und nicht zuletzt deswegen gilt er als lebende Legende. Inzwischen rückt aber sogar das polnische Episkopat von dem 81-Jährigen ab.
...

"Wir sehen, wie vor unseren Augen der sogenannte 'Kulturkatholizismus' *) zusammenbricht", sagt der Theologe Jacek Prusak vom Krakauer Jesuiten-Kolleg "Ignatianum". "Johannes Paul II. gibt es nicht mehr, wohl aber die Probleme, die wir nach ihm übernommen haben und die wir mit ihm verdeckt haben, weil wir vor uns selbst flüchteten." Es werde jetzt die "Büchse der Pandora" geöffnet, erklärt Prusak weiter, später als in anderen Kirchen der Welt, aber man müsse sich darauf vorbereiten, dass es wehtun werde.
...
Aus Polen stammt auch die Nachricht, dass Kardinal Gulbinowicz Ehrenbürgerschaft und Orden verlieren soll, die dieser für seine Unterstützung der Gewerkschaft und Freiheitsbewegung Solidarnosc in den 80er Jahren erhalten hatte.

Und in Deutschland?

Am Samstag wurde bekannt, dass die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Tübingen dem Verdacht sexuellen Fehlverhaltens in ihren eigenen Reihen nachgeht.
Wie aus einer Email des Dekanats hervorgeht, soll es "in den vergangenen zehn Jahren zu sexuellem Grenzverletzungen und zu emotionalem Missbrauch gekommen" sein.

Das Bistum Aachen hat am Donnerstag (10:00 Uhr) ein Gutachten über sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch Geistliche des Bistums im Rahmen einer öffentlichen Online-Pressekonferenz vorgestellt. Es geht um einen Zeitraum von über 50 Jahren, von 1965 bis 2019. Der Bericht sollte im Anschluss auf der Homepage der untersuchenden Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl veröffentlicht werden. **)

Mittwoch, 12. Juni 2019

Vertrauenskrise und Glaubwürdigkeit - die Bischöfe wissen nicht mehr weiter

Missbrauch und Finanzskandale, die "gute alte Zeit" der ungetrübten klerikalen Macht geht zu Ende. Die Bischöfe stehen vor den Trümmern ihres alten Kirchengebäudes, und ständig kracht wieder irgendwo ein neuer Balken herunter. Die sprudelnden Geldquellen versiegen - ein Bistum nach dem anderen muss sich beschränken. Gerade durchleidet Hamburg einen schmerzhaften Sanierungskurs - wohl im Vorgriff auf Ausfälle, die auch andere Bistümer absehbar ereilen werden:
Bereits 2017 hatte eine Wirtschaftsprüfung ergeben, dass das zu dem Zeitpunkt mit rund 80 Millionen Euro verschuldete Erzbistum (Hamburg) bis 2021 eine Überschuldung von etwa 350 Millionen Euro riskiere, wenn nichts dagegen unternommen werde.
...
Laut einer von den beiden großen Kirchen in Deutschland geförderten Studie wird die Zahl der Kirchenmitglieder in der Bundesrepublik bis 2060 um 49 Prozent zurückgehen.
...
Mit dem Rückgang der Mitgliederzahl werden sich laut Studie auch die finanziellen Möglichkeiten der Kirchen halbieren. Zwar nehmen die Forscher an, dass das Kirchensteueraufkommen nominal bis 2060 konstant bleibt und – wie 2017 – bei etwa 12 Milliarden Euro jährlich liegen wird. Bei entsprechender Ausgabenentwicklung würde das allerdings einen Kaufkraftverlust von 51 Prozent bedeuten.
(Quelle)

Das hat wohl auch aufgeschreckt. Es lässt sich nicht mehr im bequemen Sessel ruhen. Was tun?

Mittwoch, 25. Oktober 2023

Staat und Kirche müssen "unheilige Allianz" beenden

Das Verhältnis von Kirche und Staat war - verstärkt in den letzten Wochen - schon mehrfach Thema unseres Blogs, verbunden mit der Erkenntnis, dass sich die Kirche "nur unter Druck bewegt":
Sonntagsnotizen - Experten streiten über Zukunft des kirchlichen Arbeitsrechts
Es wird Zeit das sich was ändert:
Weltsynoden-Halbzeit: jetzt stehen die Konflikte auf der Tagesordnung
Öffentliche Erklärung bayerischer Mitarbeitervertretungen von katholische & evangelischer Kirche, Caritas & Diakonie
Sonntagsnotizen: "Wir müssen bei Punkten, die die Glaubwürdigkeit der Kirche mit beschädigt haben, Veränderungen herbeiführen"
Toleranzpatent vom 13. Oktober 1781

Der Kirchenrechtler Schüller wird nun auf katholisch.de zitiert:
Staat und Kirche müssen "unheilige Allianz" beenden
Die Kirchen verlieren immer mehr Mitglieder. Auch wenn ihr gesellschaftlicher Einfluss schwindet: In der Politik gibt es immer noch viel Rücksicht für die Kirchen. Für den Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller ist es Zeit, diese "unheilige Allianz" zu überwinden.
Quelle und mehr: Universität Münster, Institut für kanonisches Recht

In einem bemerkenswerten Interview sagt er:
...
Immer noch haben kirchliche Sozialträger Monopolstrukturen in vielen Regionen Deutschlands – da ist dann nichts mit der gesetzlich zwingend geforderten Diversität der freien Träger.

Frage: Im Staatskirchenrecht spricht man vom Kooperationsmodell. Sie sprechen von einer "unheiligen Allianz". Warum?

Schüller:
Die Bezeichnung "Kooperationsmodell" gibt natürlich die religionsrechtliche Lage in Deutschland zutreffend wieder. Das war auch schlüssig, als das Grundgesetz entstand. Da waren die allergrößten Teile der deutschen Bevölkerung Mitglied in der katholischen oder evangelischen Kirche. Die starke rechtliche Stellung der Kirchen korrelierte mit ihrer gesellschaftlichen Bedeutung. Der Preis dafür ist das, was ich "unheilige Allianz" nenne. Der Staat hat mit der verfassungsrechtlichen Absicherung des Selbstbestimmungsrechts der Kirchen einen faktisch nicht mehr rechtlich kontrollierten Freiraum gegeben, in dem sie staatliche Aufgaben wahrnehmen. Das führte dann dazu, dass es immer noch ein sehr eigentümliches kirchliches Arbeitsrecht gibt, das viel Unheil über die betroffenen Menschen gebracht hat, vor allem dann, wenn sie nicht die katholische Hochmoral lebten. Das haben staatliche Arbeitsgerichte bis weit nach der Jahrtausendwende sehr kirchenfreundlich gebilligt. Ähnliches gilt für den Bereich der sexualisierten Gewalt. Die staatlichen Behörden, Polizei, Staatsanwaltschaften, Gerichte, haben die Kirchen mit Samthandschuhen angefasst. Das eigentlich auf Kooperation angelegte religionsverfassungsrechtliche System in Deutschland hat faktisch zu einer Eigengesetzlichkeit geführt. Ich bin daher der Ansicht, dass Kirchen, wo sie als Körperschaften des öffentlichen Rechts Staatsaufgaben wahrnehmen, grundrechtsverpflichtet sind und damit nicht elementare Menschenrechte mit Füßen treten können, insbesondere was Frauen angeht.
...

die Kirchen sind Getriebene der staatlichen Rechtsprechung und Gesetzgebung, gerade der europäischen. Das ist ein Armutszeugnis und ein besorgniserregendes Phänomen, dass man selten proaktiv auf Entwicklungen reagiert, sondern nur, wenn der äußere Druck so groß ist. Das hat man beim kirchlichen Arbeitsrecht gut gesehen, wo es nach der Fernsehdokumentation "Wie Gott uns schuf" plötzlich zum kirchlichen "Pinkwashing" kam: Verantwortliche, die noch kurz zuvor Priester abgemahnt haben, die gleichgeschlechtliche Paare segneten, wollten plötzlich schon immer hinter Reformen der Loyalitätspflichten gestanden haben. Authentisch und glaubwürdig sind solche Sinneswandel nicht. Mir wäre eine katholische Kirche lieber, die von sich aus mit überzeugenden theologischen Argumenten erkennt, wie sie bei den Leidenden in der Gesellschaft sein kann, und nicht weil ein Gericht oder eine TV-Dokumentation sie dazu drängt.

Frage: Wie groß ist Ihre Hoffnung darauf?

Schüller:
Ich gebe die Hoffnung nie auf, ich bin rheinischer Katholik. Und es gibt ja auch kluge und vorausschauende Überlegungen in der Kirche: Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck etwa hat prognostiziert, dass sich die Kirche von einer Volkskirche zu einer Kirche des Volks weiterentwickeln wird, die selbstlos und ohne politische Absichten Orte schafft, wo Menschen erfahren, zu was uns die Liebe Christi drängt. Das ist jetzt fromm formuliert, aber ich halte das für ein überzeugendes Bild der Kirche von morgen. Wir sollten den Untergang von überkommenen kirchlichen Strukturen und den Verlust von Einfluss nicht beklagen, sondern als schöpferische Minderheit mutig und mit Nächstenliebe Christus in der Gesellschaft bekennen.
es lohnt, das ganze Interview nachzulesen und zu reflektieren.

Bei der Gelegenheit: wir werden während der bayerischen Herbstferien die Aktivitäten des Blogs wieder etwas herunter fahren. Das ist dann die Gelegenheit, die ver.di Petition zu unterzeichnen und dafür zu werben:

Donnerstag, 2. Mai 2019

Kardinäle im Streit - Kasper will kirchliche Verwaltungsgerichte als Machtbegrenzung

Der emeritierte Kurienkardinal Walter Kasper widersprach seinem Mitbruder, Kardinal Gerhard Müller, der es für unmöglich hält, dass in Verwaltungsgerichten Laien über Bischöfe zu Gericht sitzen könnten. „Das sehe ich anders. Es geht ja nicht um ein Urteil über Personen, sondern über deren Entscheidungen“, sagte Kasper.


Diese Bemerkenswerte Aussagen finden sich in aktuellen Berichten u.a. von Radio Vatikan, wonach Kardinal Kasper die Einführung innerkirchlicher Verwaltungsgerichte als Beschwerde-Instanzen fordert. Als Konsequenz aus dem Missbrauchsskandal würde eine solche Einrichtung der Autorität eines Bischof nichts wegnehmen. 
Es handele sich um
"Formen von Machtbegrenzung, die sich bewährt haben"
"Wenn wir zu Recht über arroganten, selbstverliebten Klerikalismus und Machtmissbrauch in der Kirche klagen, dann müssen wir doch auch sehen, welche Formen von Machtbegrenzung und Machtkontrolle sich anderswo bewährt haben, etwa in demokratischen Gemeinwesen."
Quelle:

Dienstag, 2. Januar 2024

Gedanken zum Anfang des Kalenderjahres - Teil 1: Kirchen und ihre selbst verursachten Krisen

In den letzten Tagen waren die Medien wieder voll mit Reflektionen, was denn im vergangenen Kalenderjahr so alles passiert ist. N-TV berichtet
"Unser Land wird säkularer"
Bischofskonferenz beklagt Bedeutungsverlust der Kirchen
...
"Nur mehr 48 Prozent der Bevölkerung in unserem Land gehören einer der beiden großen Kirchen an", fasste Bätzing zusammen. .... Nur noch vier Prozent der katholischen und sechs Prozent der evangelischen Gläubigen geben in der Studie an, ihrer Kirche eng verbunden zu sein. "Das Vertrauen, vor allem in die katholische Kirche, ist enorm gesunken", räumte Bätzing ein. "Und beinahe die Hälfte der Katholikinnen und Katholiken denkt über einen Kirchenaustritt nach, nur noch ein Drittel schließt ihn grundsätzlich aus. Solche Entwicklungen zu verdrängen oder zu verharmlosen, das wäre fatal." ...
siehe auch Kölner Stadtanzeiger, Kopie auf msn.com "Kirche: Als Gott aus Deutschland verschwand - Ein Bischof bilanziert"

Auch die kirchlichen Medien blickten zurück - und haben dafür die Zeit nach dem Beginn des Kirchenjahres und vor dem Ende des Kalenderjahres 2023 genutzt. Ein Hauptthema war die zunehmende Entfremdung der "organisierten Kirche" von der Gesellschaft - die sich etwa in der Zahl der Kirchgänger und der Kirchenaustritte manifestiert.

Katharina Karl, Professorin für Pastoraltheologie an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, stellt bei katholisch.de zurecht fest:
Die Beschleunigung ... wurde ... sicherlich durch die Pandemiesituation und die schleppende Aufarbeitung der Missbrauchskrise verstärkt. Sie ist aber auch Teil komplexer gesellschaftlicher Entwicklungen und gründet in der Tatsache, dass die Zugehörigkeit zum Christentum sich nicht mehr über Sozialisation ergibt, sondern zunehmend auf Entscheidung beruht.
...
Es bleibt ein Stachel im Fleisch, dass sozial Benachteiligte Menschen sich nicht von den Kirchen repräsentiert fühlen. ....
"Sozial Benachteiligte Menschen" - welcher Personenkreis wird hier angesprochen? Sind nicht gerade die Arbeitnehmer im klassischen Sinn "sozial benachteiligt"? Dass unsere Kirche gerade die Arbeitnehmer verloren hat, ist schon im Beschluß "Kirche und Arbeiter" der Würzburger Synode als andauernder Skandal bezeichnet worden. Das Ergebnis war eine fast flehentliche Aufforderung an die Katholiken "bei den Gewerkschaften mit zu tun". Dabei blieb es aber auch - verbale Lippenbekentnisse oder echte und ehrliche Konsequenz. Die eigentlich richtige Konsequenz, die Ursachen dieses Verlustes zu beseitigen, wurde nicht gezogen.
Beide Kirchen haben sich im Bereich der "Arbeitswelt" vielmehr mit dem Ausbau des gewerkschaftsfeindlichen - "Dritten Weges" beschäftigt und versucht, eine "gewerkschaftsfreie Zone" zu schaffen und sich darin gemütlich einzurichten. Dass das - bis hin zum kirchengesetzlichen "Streikverbot" - verfassungswidrig ist, war beiden Kirchen genauso egal wie der eklatante Widerspruch der katholischen Kirche zur eigenen Soziallehre und dem universellen Kirchenrecht.
Tatsächlich haben die Kirchen nur unter dem Druck der weltlichen Gerichte und der Rechtsprechung minimalistisch und zögerlich einige nicht mehr haltbare Positionen "geräumt".
Damit wurde bei der überwiegenden Mehrheit der gewerkschaftlich engagierten Christen die Glaubwürdigkeit der Kirche und Vertrauen massiv verloren.
Dazu haben auch als "absurd empfundene Loyalitätsvorgaben" für kirchliche Arbeitnehmer beigetragen.

Stetter-Karp, die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken beklagt im Domradio zurecht:
"Vertrauen wieder aufzubauen, ist alles andere als leicht"

Wie wäre es, da einen großen Schritt zu tun, das "Ruder herum zu reissen" - und zumindest mit einem Anwendungstarifvertrag zum TVöD (kommunal) - nicht nur die Basis für allgemeinverbindliche Regelungen in der gesamten Branche zu schaffen, sondern sich dafür auch noch die "tarifvertragliche Friedenspflicht" einzukaufen. Die Kirche kann dann gerne - wie es im Vollzug der eigenen Soziallehre konsequent wäre - für Gewerkschaftsmitglieder auch noch zusätzliche, besondere Vorteilsregelungen vereinbaren. Das wäre ein Zeichen !

Der Theologe und Ökonom Ulrich Hemel, langjähriger Wirtschaftsberater und ehemaliger Präsident des Bunds Katholischer Unternehmer (BKU) sieht die Problematik aus der Sicht des Arbeitgebers - also einer völlig anderen Perspekltive als die Mitarbeitenden - und meint dann auch bei katholisch.de, es gäbe:
einen großen Zulauf zu katholischen Schulen und Bildungseinrichtungen. Die spielen aber in den Überlegungen bei den einzelnen Diözesen, aber auch in Organisationen wie dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken, nur eine untergeordnete Rolle. Das hängt damit zusammen, dass die Entscheidungsstrukturen in der Kirche sehr stark von den pastoralen Berufen ausgehen. Als Folge daraus kommen andere Bereiche weniger in den Blick. Das gilt beispielsweise auch für den Religionsunterricht. Da haben wir immer noch rund 70.000 Menschen, die Tag für Tag als Religionslehrer arbeiten, die aber kaum beachtet werden im kirchlichen Geschehen. Wir haben noch immer fast 1.000 katholische Schulen in Deutschland, die aber in der allgemeinen Diskussion unsichtbar sind. Hier haben wir eine gesellschaftliche Nachfrage nach einem Angebot, das den Begriff "katholisch" immer noch im Namen trägt. Aber wir haben in unserer eigenen Kirche kein Bewusstsein dafür, dass wir hier ein Pfund haben, mit dem wir wuchern können.
Ohne Zweifel, die kirchlichen Bildungseinrichtungen - vor allem die "Eliteschulen" der Ordensgemeinschaften - sind gefragt. Aber ist es nicht etwas verkürzt, den Blick nur auf einen Teil der kirchlichen Arbeitnehmer zu richten? Gibt es nicht - nach eigenen Angaben - hunderttausende von von Mitarbeitenden alleine in Einrichtungen der Caritas und katholischen Kirche?

Donnerstag, 27. März 2025

Kirchenaustritte weiter massiv

die beiden großen christlichen Kirchen - bzw. Religionsgemeinschafen - leiden weiterhin massiv unter Kirchenaustritten, die auch ein Zeichen verloren gegangenen Vertrauens, verlorene Glaubwürdigkeit, sind.
2024 verließen mehr Protestanten als Katholiken die Kirche berichtet katholisch.de und führt aus:
Im Jahr 2024 verließen 345.000 Protestanten ihre Kirche, wie die EKD am Donnerstag in Hannover mitteilte (2023: 380.000). Demnach gehörten zum Jahresende 2024 insgesamt 17,98 Millionen Menschen den bundesweit 20 evangelischen Landeskirchen an (2023: 18,6 Millionen). Die evangelischen Christen machen einen Anteil von 21,5 Prozent an der Gesamtbevölkerung aus (2023: 21,9 Prozent).
Damit verließen erstmals seit 2018 wieder mehr Protestanten als Katholiken ihre jeweilige Kirche. Die katholische Kirche in Deutschland verlor im vergangenen Jahr 321.611 Mitglieder. Laut der ebenfalls am Donnerstag in Bonn vorgelegten Statistik der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) zählt die katholische Kirche aktuell rund 19,8 Millionen Mitglieder. In Deutschland machen die Katholiken den Angaben zufolge 23,7 Prozent der Gesamtbevölkerung aus.

Für die katholische Kirche wird dann in weiteren Berichten ausgeführt:
Katholische Kirche in Deutschland verliert mehr als 320.000 Mitglieder
Demnach zählt die Kirche aktuell rund 19,8 Millionen Mitglieder – und liegt mit diesem Wert neuerdings unter der 20-Millionen-Marke. In Deutschland machen die Katholiken den Angaben zufolge 23,7 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. 2023 hatten noch 402.694 Menschen der Kirche den Rücken gekehrt. Den bisherigen Höchstwert an Austritten verzeichnete die Statistik für das Jahr 2022. Damals verließen mehr als 520.000 Katholikinnen und Katholiken ihre Kirche.
und im Vergleich der (Erz-)Diözesen wird berichtet:
Erzbistum Köln nicht mehr mitgliederstärkste Diözese in Deutschland
Jetzt nimmt das westfälische Bistum Münster diesen Spitzenplatz ein, wie aus der am Donnerstag veröffentlichten Kirchenstatistik der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) für das Jahr 2024 hervorgeht. Danach ist die Zahl der Katholiken in der Kölner Erzdiözese durch Todesfälle (16.276) und Austritte (28.979) auf 1.627.401 gesunken. Münster kommt auf 1.630.544. Dort gab es im vergangenen Jahr 17.344 Todesfälle und 22.613 Austritte.....

Nachtrag:
Eine lesenswerte Bemerkung zu den Kirchenaustritten nimmt Prof. Dr. Jan Loffeld (Professor für Katholische Theologie in Tilburg, Niederlande) im Domradio vor:
Die Zahlen haben mich nicht überrascht, denn sie zeigen, dass sich die Austrittszahlen auf einem insgesamt hohen Niveau eingependelt haben. Da scheint es nun eine gewisse Stabilität zu geben. Aber wenn man einmal die Zahlen aller in Deutschland aus der Kirche Ausgetretenen und der Verstorbenen zusammenlegt, dann sind wir bei einer Zahl von einer Million Menschen.
Den Kirchen fehlen seit dem vergangenen Jahr also so viele Menschen wie in Köln leben – eine Millionenstadt, die nicht mehr da ist. Allein die ausgetretenen Katholikinnen und Katholiken sind so viele, wie etwa in den Großstädten Bonn oder Münster leben.
und
Bei der Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU) 2023, deren wissenschaftlichen Beirat ich angehören durfte, trat zum ersten Mal deutlich zu Tage, dass die Kirchenbindung der beiden großen Konfessionen inzwischen mehr oder weniger vergleichbar ist.

Dienstag, 24. Juni 2014

Katholisches Arbeitsrecht heute im Bundestag

Die von der Bundesregierung geplante Novelle des Gesetzes zur Fortentwicklung des Meldewesens ist heute Gegenstand einer öffentlichen Sachverständigen-Anhörung. Zu der Verstaltung, die um 8.00 Uhr beginnt, werden als Experten erwartet:
  • der frühere Bundesanwalt beim Bundesgerichtshof, Manfred Bruns, 
  • der Berliner Beauftragte für Datenschutz und das Informationsfreiheitsgesetz, Alexander Dix, 
  • der Direktor des Instituts für Staatskirchenrecht der Diözesen Deutschlands, Professor Ansgar Hense, 
  • der Leiter des Katholischen Büros in Berlin, Prälat Karl Jüsten

Dienstag, 19. Februar 2019

Kirche vor radikalem Strukturwandel

Wir haben eine Überschrift von RADIO VATIKAN leicht abgeändert. Dort wird über das Bistum Freiburg berichtet:
 
Das Ausmaß des Schwundes in Freiburg: Die Anzahl der Katholiken sank von 1,984 Millionen im Jahr 2010 auf zuletzt 1,87 Millionen. 2030 könnten es weniger als 1,6 Millionen sein, so Burger. 2017 besuchten 165.000 Gläubige regelmäßig die Sonntagsgottesdienste, 50.000 weniger als im Jahr 2010. Priesterberufungen sind absolute Mangelware, und auch die Zahl der anderen kirchlichen Mitarbeiter sinkt. Die gesellschaftliche Bedeutung und das Gesicht der Kirche werden sich vor diesem Hintergrund radikal ändern, darin ist man sich im Erzbistum einig.
 
Nun gilt es also, so Erzbischof Burger, eine "neue Vision von Kirche zu entwerfen". Vor einer Vision muss aber erst einmal die ehrliche und ungeschmikte Analyse stehen. Was ist die Ursache der vielen Probleme?
Freiburg, so meinen wir, steht symptomatisch für eine gewaltige Krise der katholischen Kirche in Deutschland. War vor einigen Jahren Freiburg noch Vorreiter auf dem "Dritten Weg" - nicht ohne Grund hat der "deutsche Papst Benedikt" seinen Aufruf zur Entweltlichung gerade in Freiburg gehalten - so ist es spätestens mit dem Freiburger Finanzskandal in die negativen Schlagzeilen geraten.
 
Ursächlich für all die Probleme, die auch ab Donnerstag dieser Woche mit einem Aspekt in Rom debatiert werden, ist eine Glaubwürdigkeitskrise der Kirche. Und auch diese Glaubwürdigkeitskrise hat Gründe. Auf die Diskrepanz zwischen katholisch-kirchlicher Soziallehre und kircheneigenem Arbeitsrecht habe wir schon öfter hingewiesen. Wer Wasser predigt und Wein trinkt ....
 
"Die Kirche befindet sich in einer existenziellen Krise, die vom Missbrauchsskandal nicht ausgelöst ist, hierin wohl aber einen Brennpunkt findet. Die Krise ist eine Glaubenskrise, eine Strukturkrise, eine Leitungskrise – mit einem Grundproblem: Leben und Reden fallen in der Kirche weit auseinander. Es braucht einen echten kirchlichen Wandel, der mit einem Mentalitätswandel (Demut) der Verantwortlichen beginnen muss…"
 
 
Klerikales Machtdenken stellt die weltliche Institution Kirche über den Menschen, über die gerechtfertigten Bedürfnisse der Menschen, überhöht die Institution und stellt sie damit ausserhalb des Gesetzes und außerhalb der Gesellschaft. Wer das tut, darf sich aber nicht wundern, dass diese Institution, die sich selbst von der Gemeinschaft ausschließt, auch in und von der Gemeinschaft nicht mehr akzeptiert wird. Die Kirche hat mit den Gewerkschaften die Arbeiter verloren - das ist spätestens seit der "Würzburger Synode" in der katholischen Kirche in Deutschland als Konsens anerkannt.
 
Und was tut die Kirche dagegen?
Nichts, was die Glaubwürdigkeit stärken würde.