Freitag, 1. Mai 2020

Vier Bischöfe zum 1. Mai - Solidarisch ist man nicht allein

In den vergangenen Jahren haben wir an dieser Stelle jeweils Reden und Beiträge von Gewerkschafter*innen zum 1. Mai dokumentiert und veröffentlicht.

In diesem Jahr überlassen wir 4 Bischöfen aus Baden-Württemberg das Wort:
Erzbischof Stephan Burger, Erzdiözese Freiburg
Landesbischof Prof. Dr. Jochen Cornelius-Bundschuh, Evangelische Landeskirche Baden
Bischof Dr. Gebhard Fürst, Diözese Rottenburg-Stuttgart
Landesbischof Dr. h.c. Frank Otfried July, Evangelische Landeskirche Württemberg

Wort der 4 Bischöfe zum 1. Mai 2020
01. Mai 2020


Liebe Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer!

In den letzten Wochen hat sich gezeigt: Überleben können wir nur gemeinsam. Wir sind aufeinander angewiesen. Gerade die ganz alltägliche Solidarität geschieht auch ohne große Organisation. Nachbarn kaufen ganz selbstverständlich für Menschen in ihrer Straße ein, die selbst nicht mehr aus dem Haus können oder dürfen. Dass wir solidarisch aufeinander angewiesen sind, zeigt sich auch bei der Arbeit: Wir sind alle auf den Dienst anderer ange- wiesen, oft gerade derer, die nicht zu den „Topverdienern“ gehören. Großen Dank und Wertschätzung erfahren derzeit die Beschäftigten im Pflege- und Gesundheitsbereich, im Transportwesen und der Logistik und die Verkäufer/innen im Handel. Mit vielen anderen hier ungenannten Beschäftigten sorgen sie dafür, dass der tägliche Bedarf gedeckt werden kann- und erkrankten Menschen eine bestmögliche Pflege und Behandlung zuteilwird. Vie- len Beschäftigten wird aktuell viel abverlangt. Anderen droht die Entlassung und damit der Fall in eine ungewisse Zukunft.


„Solidarisch ist man nicht alleine!", so lautet das Motto des DGB zum Tag der Arbeit in die- sem Jahr. Als Kirchen orientieren wir uns an dem Wort der Bibel: Einer trage des anderen Last; so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. (Gal.6,2)

In diesem Jahr ist es nicht möglich, auf die Straße zu gehen und dort für weltweite Ge- rechtigkeit zu demonstrieren. Dennoch werden wichtige Anliegen auch auf diesem Wege geteilt. Wir wollen dafür „danke“ sagen. Danke an alle Menschen, die sich in Gewerkschaf- ten, Betriebs- und Personalräten und Mitarbeitervertretungen für gute und faire Arbeitsbe- dingungen engagieren und als verantwortliche Sozialpartner dafür sorgen, dass in der Ar- beitswelt so wenig Menschen wie möglich unter die Räder kommen.

In der jetzigen Ausnahmesituation brauchen Bund und Länder starke gesellschaftliche Ge- genüber, die aus Einsicht zustimmen und – das ist ebenso wichtig – auch widersprechen können. Unser Ziel ist es, ein stabiles Netzwerk der Solidarität zu knüpfen zwischen Arbeit- nehmenden und Arbeitslosen, Kirchen und Gewerkschaften, Institutionen und Einrichtun- gen.

Die Lasten dieser Krise sind in unserer Gesellschaft ungleich verteilt. Beschäftigten in Gast- ronomie und Handel, aber auch Gastwirten/-innen und Ladenbesitzern/-innen droht die Zahlungsunfähigkeit. Wer wenig hat, den trifft die Krise härter. Das gilt auch, wenn man die Pandemie global betrachtet: Solidarität und Nächstenliebe hören an den Grenzen nicht auf. Die nationale und europäische Solidarität braucht den globalen Bezug. Die weltweite Pandemie macht eindrücklich bewusst, dass es nur gemeinsam geht. Es ist gefährlich, in alte Abschottungsmechanismen zurückzufallen.

Wir sehen die Menschen auf dieser Erde als eine Gemeinschaft. Es braucht jetzt Solidari- tät, Nächstenliebe und Barmherzigkeit – und zwar über Grenzen hinweg, damit die Ver- luste abgefedert, Erfolg und Glück geteilt werden. Denn von Gott kommt allen Menschen als seinen Geschöpfen die gleiche unantastbare Würde zu. Daran orientiert sich auch unser Grundgesetz, das den Schutz des Lebens und die unantastbare Würde des Menschen als oberste Werte allem anderen voranstellt. Schon heute müssen wir im Blick behalten, dass die Neugestaltung nach dieser Krise solidarisch mit den Generationen nach uns sein muss. Soziale und wirtschaftliche Anliegen müssen mit den ökologischen zusammengebracht wer- den.

Wir schätzen die Mitbestimmung durch die Vertretungen der Arbeitnehmenden als einen bewährten Weg, wie Menschen in der Arbeitswelt Mitverantwortung übernehmen und Soli- darität und Gerechtigkeit konkret werden lassen. Als Kirche wollen wir den Menschen nicht nur am 1. Mai oder in der gegenwärtigen Krise, sondern jederzeit nahe sein, in Arbeit und Arbeitslosigkeit. Wir wollen, dass die befreiende Botschaft des Evangeliums in Wirtschaft und Arbeit erfahren werden kann.

Ihre vier Bischöfe in Baden-Württemberg
[Quelle:
https://www.elk-wue.de/fileadmin/Downloads/Presse/Dokumente/2020/Wort_zum_1._Mai_vier_Bischoefe_final.pdf]

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