Donnerstag, 21. Februar 2019

Heute beginnt im Vatikan eine der wichtigsten Konferenzen der Kirchengeschichte.

Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung meint:
Papst Franziskus hat die Vorsitzenden aller Bischofskonferenzen und aller Ordensgemeinschaften nach Rom zitiert. Das Treffen trägt nicht den Namen Konzil, aber es ist ein Konzil: Es ist ein Konzil der Schande, der Buße und, so hoffen viele empörte Christen, der radikalen Umkehr.

… Schonungslose Diskussion? Schonungslose Aufklärung? Radikale Selbstkritik? Wie müsste das aussehen? Sie müsste damit beginnen, das Wort "Missbrauch" durch "Gewalt" zu ersetzen; "Missbrauch" ist ein verharmlosender Begriff. Der sexuelle Missbrauch in Erziehungs- und Abhängigkeitsverhältnissen ist sexuelle Gewalt. Es geht nicht um lässliche Sünden, es geht um Gewaltverbrechen, und als solche müssen sie künftig im Gesetzbuch der katholischen Kirche, dem Codex Juris Canonici, bezeichnet und bestraft werden. Es muss dort festgehalten werden, dass Täter nicht mehr als Priester arbeiten dürfen. So stand es bis 1983 schon im kirchlichen Gesetzbuch. Der Täter soll, so lautete die Vorschrift im Kirchenrecht, "suspendiert, als infam erklärt, jedes Amtes, jedes Benefiziums, jeder Dignität und überhaupt jeder Anstellung enthoben werden".

Es gibt viele weitere Ankündigungen - und die Erwartungen sind hoch:
Radio Vatikan: Globale Konferenz, lokales Problem: Was zu erwarten ist *)
Tagesschau: Woche der Wahrheit im Vatikan (klick)
Domradio (Köln): Programm des Vatikan-Gipfels vorgestellt
Kirche und Leben (Münster): Anti-Missbrauchsgipfel „wird Konsequenzen haben“

Mehrere Bischöfe haben sich in ähnlicher Weise geäussert:
Kurz vor dem Anti-Missbrauchsgipfel im Vatikan haben die Bischöfe Stephan Ackermann und Heiner Wilmer Machtstrukturen und Machtmissbrauch in der Kirche kritisiert. "Das Männerbündische muss aufgebrochen werden"
Als Reaktion auf die Fälle von sexuellem Missbrauch will Hildesheims Bischof Heiner Wilmer Machtstrukturen in der katholischen Kirche verändern. „Wir müssen den Binnen-Zirkel der Kirche, das Männerbündische aufbrechen, …"


Hans Zollner SJ, Kinderschutzbeauftragter des Vatikans,
erwartet, dass der Anti-Missbrauchsgipfel im Vatikan kommende Woche "eine Lawine auslöst, die man nicht mehr stoppen kann". "Was in Rom verhandelt wird, wird seinen Weg in die Ortskirchen finden", sagte der Leiter des Kinderschutzzentrums an der Päpstlichen Universität Gregoriana am Samstag der "Süddeutschen Zeitung". "Der Schutz vor Missbrauch, die Aufarbeitung des Missbrauchs ist für die Kirche existenziell."
Pater Klaus Mertes SJ (Direktor des katholischen Kollegs St. Blasien​) formuliert in einem Interview (wiedergegeben bei MK-Online, München):
"Über Machtstrukturen sprechen"

Wir müssen uns in der Kirche fragen, wie wir mit dem Thema Macht umgehen. Ist das monarchische Leitungsprinzip, das durch den Weihecharakter von Leitungsämtern theologisch besonders gewichtet ist, eigentlich in der Lage, wirklich Machtmissbrauch aufzuklären? Oder muss es nicht eine Machtteilung geben, eine unabhängige Verwaltungsgerichtsbarkeit oder Disziplinargerichtsbarkeit, die eben auch Leitungsversagen in den Blick nimmt, weil die Leitung selbst das Problem gar nicht lösen kann? ...
In einem anderen Interview mit dem Domradio (Köln) wird Mertens so zitiert:
"Systemische Ursachen müssen auf den Tisch"


Ich kann sagen, was meine Hoffnung wäre. Meine Hoffnung wäre, das Missbrauch und vor allem die Vertuschung oder die Blindheit gegenüber Missbrauch bei den verantwortlichen Personen – insbesondere die Bischöfe und den Papst – systemische Ursachen hat. Und dass diese systemischen Ursachen auf den Tisch gelegt und nicht mehr bestritten werden. Und dass nicht mehr unterstellt wird, über solche Dinge zu sprechen, bedeute, den Missbrauch zu instrumentalisieren für strukturreformerische Fragen der Kirche.

Klerikaler Machtmissbrauch zeigt sich sowohl in Finanzskandalen (z.B. "System Eichstätt") und auch und gerade in den Spezifika des kirchlichen Arbeitsrechts. Insofern hat der Kirchenhistoriker Hubert Wolf recht, der auf katholisch.de erklärt:
Der sexuelle Missbrauch sei Teil einer Systemkrise in der katholischen Kirche, sagt der Kirchenhistoriker Hubert Wolf. Nun müssten die Bischöfe mit grundlegenden Änderungen beginnen.

Die Kirche lebe vom Glauben und von ihrer Glaubwürdigkeit. "Eine Religion, die keine Glaubwürdigkeit hat, ist am Ende."
Weitere Quelle: Kirche und Leben - Bistum Münster

Auch wir meinen: eine glaubwürdige Kirche darf sich in der Analyse nicht auf den sexuellen Missbrauch beschränken. Sexueller Missbrauch von Kindern oder Ordensangehörigen ist die besonders ekelhafte Form eines klerikalen Amtsmissbrauches, aber "nur" die "Spitze des Eisbergs".

Der Kirchenhistoriker und scheidende Generalvikar von Münster, Norbert Köster, drückt es im Domradio so aus:
Ich glaube, dass diese Krise uns sehr gut tut. Es ist eine Krise, in der wir jetzt die Anpassung an die westliche Welt im guten Sinne leisten müssen. Das haben wir bislang nicht gemacht. Es war die Aufgabe des Zweiten Vatikanischen Konzils und ich glaube, die haben wir bislang noch gar nicht erfüllt. Das ist ein harter Weg im Moment. Aber ich glaube, er wird uns allen sehr guttun.
Die Bewältigung des Missbrauchsthemas kann nach Meinung des Wiener Religionssoziologe Paul Zulehner einen neuen Reformschwung in der katholischen Kirche entfachen. "Da bleibe ich ein Mann der Hoffnung."

Auch uns ist es nicht "egal", was in unserer Kirche passiert. Die Hoffnung stirbt zuletzt.



Anmerkung *)
Im Vorfeld der Konferenz hat der Kardinalsrat zur Kurienreform getagt. Es wäre verwunderlich, wenn dort nicht auch das Thema "Machtmissbrauch" diskutiert worden wäre. Die vorgesehene Kurienreform könnte diese Frage berücksichtigt haben. Daher ist die folgende Meldung von Radio Vatikan nicht uninteressant: "Kurienreform soll auch durch Ortskirchen abgesegnet werden".

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