Samstag, 22. Januar 2022

Caritaspräsidentin für Reform des kirchlichen Arbeitsrechts (?)

ohne Fragezeichen berichtet das katholisch.de und zitiert Welskop-Deffaa:
"Der grundsätzliche Ausschluss des Streikrechts in der Grundordnung könnte die Frage aufwerfen, ob sich hier nicht der gleiche Geist ausdrückt, der auch die Missbrauchsfälle so bedrückend macht"
Liebe Eva-Maria: der "grundsätzliche Aussschluss des Streikrechs" ist höchstrichterlich längst als obsolet und rechtswidrig erkannt. Mit der gnadenhalber erfolgten Einräumung eines solchen Rechts wird heute keine Gewerkschaft mehr geködert - mit Ausnahme vielleicht von christlichen Gewerkschaften, die bekanntlich gegenüber den Arbeitgebern besonders christlich sind.

Samstagsnoitzen: Wie weiter mit unserer Kirche (4)

Grundlegende Veränderungen seien notwendig
Bischof Overbeck: Katholische Kirche wegen Missbrauchs in Existenzkrise

  • Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck sieht die katholische Kirche in einer existenziellen Krise.
  • Als einen der Hauptgründe nennt er den geistlichen und sexuellen Missbrauch in der Kirche.
  • Ein Zusammenbruch der bisherigen Strukturen sei fast unausweichlich.
berichtete "Kirche und Leben" letzten Samstag. (Quelle 2: Domradio)


Dem ersten Teil der Meldung stimmen wir gerne zu. Die Kirche braucht grundlegende systemische Veränderungen, nicht nur den Rücktritt oder die Entlassung von einzelnen Symbolpersonen. Unsere Kirche hat sich insgesamt zunehmend von der Lebenswirklichkeit der Gläubigen entfremdet. Sie ist in einem vorkonziliaren Muster "stehen geblieben" während sich die freiheitlich demokratische Gesellschaft zunehmend entwickelt hat. Ein "weiter so" führt nur in den Abgrund.
Beim zweiten Teil müssen wir widersprechen. Die Kirche ist nicht "wegen Missbrauchs" in der Existenzkrise, sondern wegen dieser Entfremdung und der Vertuschung der Amtskirche. Mißbrauch gibt es in der gesamten Gesellschaft - in Familien und Vereinen - ohne dass das Modell "Familie" oder "Verein" dadurch in's Wanken geriete. Mißbrauch ist nichts "kirchenspezifisches", auch wenn wegen der z.T. kruden Sexualmoral der Kirche und einiger Einrichtungen auch sexuell verklemmte Personen angezogen werden sollten. Und die finden dann mit dem "geistlichen Mißbrauch" auch noch die Möglichkeit, ihre Gelüste durch klerikale Machtausübung zu verbrämen.
Spezifisch ist nun aber der Umgang mit dem Mißbrauch. Mißbrauch von Einzeltätern wurde so systemisch zu einem Problem der gesamten Kirche (vgl. Matthäus 7, 16). Aus dem Bemühen, das "Antlitz strahlend zu halten" ist so unbeabsichtigt die Kreation einer hässlichen Fratze geworden.
Wir zitieren Bischof Overbeck aus der o.g. Meldung nochmal:
Die Kirche sei in einer Krise, „die von uns sowohl spirituell als auch strukturell Entscheidungen abverlangen wird, die zu einer echten Neu-Werdung unserer Kirche führen müssen“. Vieles stehe massiv infrage, was bislang nicht hinterfragbar schien, aber „unser Gott ist ein Gott des Weges – und nicht des Stillstands. Seine Wege führen nicht zurück, sondern nach vorn“.
Dann sollten wir uns unter Verweis auf Matthäus 7, 13 - 15 auch gemeinsam bemühen, dass unsere Kirche dabei nicht "auf halbem Weg" in einer Sackgasse stecken bleibt.

Anlässlich der Vorlage des Münchner Mißbrauchsgutachtens

Freitag, 21. Januar 2022

Wie kann die Kirche Glaubwürdigkeit zurückgewinnen?

fragt heute das Domradio (Köln) aus aktuellem Anlass und verweist auf die Forsa-Umfrage:
Vertrauen zu christlichen Kirchen auf Tiefpunkt

Wie wäre es etwa damit, die z.T. unsäglichen Loyalitätsverpflichtungen der Grundordnung über Bord zu werfen? Was dann von der Grundordnung übrig bleibt ist - mit Verlaub - diametral der eigenen Soziallehre entgegen gesetzt, und gehört auch auf den Müll der Geschichte.
Glaubwürdigkeit? Das heißt in unserem Kontext schlicht und ergreifend, das umzusetzen, was im universellen Kirchenrecht und in den päpstlichen Sozialenzykliken zum Arbeitsrecht einschließlich des Gewerkschaftsprinzipes dokumentiert ist.

Dazu ist auch eine komplette systemische Änderung der kirchlichen Verantwortungsstrukturen erforderlich. Denn das kirchliche (Straf-)Recht dient primär und zuerst dem Schutz der Kirche. Für den Schutz der Arbeitnehmer oder / und auch der Opfer von Übergriffen aller Art ist das "weltliche Recht" gefordert. Das aber wird gar nicht mehr beansprucht, solange die (irrige) Meinung vorherrscht, mit dem kirchlichen Rechtsweg sei bereits "alles nötige" getan.

Donnerstag, 20. Januar 2022

Heute: Kirche und Gesellschaft - leider ...

Mit dem Rummel um das heute veröffentlichte Missbrauchsgutachten für die Erzdiözese München und Freising kommen wir nicht umhin, uns auch mit diesem Thema auseinander zu setzen.

1. Sogar im "tiefkatholischen Bayern" überschlagen sich die Austritte und erreichen immer neue Rekorde (Quelle)
2. Ja, das Vertrauen der Menschen in Deutschland ist nach Angaben des forsa-Instituts auf einem Tiefpunkt (Quelle). Es scheint uns aber "zu kurz gesprungen", das ursächlich auf den geistlichen und sexuellen Missbrauch zu reduzieren. Das Problem ist viel weitergehender.
2.a) Der (Macht-)Missbrauch ist eine Folge der theologischen Überhöhung geistlicher Berufe, und der damit einhergehende Klerikalismus führt zwangsläufig zum Verdrängen, Verschweigen und zur systemischen Vertuschung - weil nicht "am Lack gekratzt werden" darf.
2.b) Verdrängung, Vertuschung und Wegschauen sind das eigentliche Missbrauchs-Problem der Institution Amtskirche.
"Nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt wird, und nichts ist verborgen, was nicht bekannt wird." (Lk 12,1-2)
Und weil das "Verdrängen und Wegschauen" zur Erhaltung der Machtkultur gehört, sind auch nicht diejenigen die "Bösen", die ihre Stellung missbrauchen sondern diejenigen, die auf die Fehler hinweisen und auf deren Behebung drängen. Dass das universelle Kirchenrecht die Gläubigen dazu ausdrücklich berechtigt und bisweilen sogar dazu verpflichtet (Can. 212 § 3 CIC) wird dabei geflissentlich und gerne übersehen.

Und jetzt kommt etwas das im Getöse der Missbrauchsdebatte untergeht:
3. Der Kern des Problems ist doch auch, dass die "klerikale Amtskirche" keinen Bezug mehr zur Lebenswirklichkeit der Gesellschaft hat. Die Kirche erreicht die Menschen nicht mehr. Wer von der Kirche nicht mehr angesprochen ist, der nimmt Skandale - welcher Art auch immer - zum (vordergründigen) Anlass, sich von dieser lebensfremden Organisation zu trennen. Das hat sich schon bei der Würzburger Synode (1971-1975 - Beschluss "Kirche und Arbeiterschaft") abgezeichnet. Und die deutsche Kirche ist im Zirkulieren der eigener Nabelschau weiterhin nicht bereit, die Konsequenz aus diesem dort bezeichnenden "fortwährenden Skandal" zu ziehen. Das Klammern an der Macht und die Selbstverliebtheit von Funktionären in die eigene Wichtigkeit verhindert die Umsetzung der lehramtlichen Sozialenzykliken. Und jeder neue Skandal bricht weiteres Material aus den zerbröselnden tönernen Füßen.
Wer einen tönernen Topf mit Stahllack überzieht, hat noch keine tragende Säule.
Es ist ein schleichend beginnender Prozess, erst ein langsam rieselndes Ausbluten das sich aber mit jedem neuen Abplatzen am Lack verstärkt und über die Jahre hin zu einer reißenden Flutwelle wird, die scheinbar gesicherte Wahrheiten - eigentlich nur Gewohnheiten - mit sich fortschwemmt.

Da bleibt der gestrige Aufruf von Papst Franziskus zur Wahrung der Arbeitnehmerrechte aller Menschen ein weiter ungehörtes Säuseln, das im Krachen der fallenden und hinweg geschwemmten Bäume untergeht.

Mittwoch, 19. Januar 2022

Erzbistum Köln: Arbeitsgericht kippt Kündigung wegen Bürostuhl

berichtet die Tagesschau und führt aus:
Die Mitnahme eines Bürostuhls ins Homeoffice rechtfertigt keine fristlose Kündigung. ...

Die Mitarbeiterin hatte zu Beginn der Corona-Pandemie einen ergonomischen Bürostuhl mit nach Hause ins Homeoffice genommen und war deswegen entlassen worden. Dies dürfe nicht zur fristlosen Kündigung führen, da es allenfalls eine Pflichtverletzung sei, begründete das Gericht seine Entscheidung.
In der konkreten Situation 2020, nach relativ frischem Ausbruch der Corona-Pandemie, sei es turbulent zugegangen. Da habe auch die Arbeit in einem Homeoffice zunächst einmal organisiert werden müssen. Das müsse man berücksichtigen. ... Der Argumentation des Erzbistums, der Stuhl habe aber erheblichen Wert und dies habe (die gekündigte Klägerin) nicht so einfach machen dürfen, folgte die Kammer nicht.

Auch, dass das Erzbistum die seit April 2020 als arbeitsunfähig gemeldete (Klägerin) wegen Dienstunfähigkeit in den Ruhestand versetzt hatte, sei hinfällig, entschied das Arbeitsgericht. Das Erzbistum habe nicht den notwendigen medizinischen Sachverstand eingeholt. Die Bezüge vom vergangenen August bis Januar ... seien nebst Zinsen nachzuzahlen. ...
weitere Quellen:
FAZ: Bistum-Kündigung für mitgenommenen Bürostuhl ist unwirksam
Domradio: Keine fristlose Entlassung möglich
Katholisch.de: Frau war wegen Mitnahme ihres Bürostuhls ins Homeoffice entlassen worden ... Niederlage für das Erzbistum Köln vor Gericht
Kölner Stadt-Anzeiger: Bürostuhl-Posse ... – Gericht zweifelt an Rechtmäßigkeit
SPIEGEL online: Homeoffice in der Pandemie - Erzbistum Köln verliert Streit über Kündigung wegen mitgenommenem Bürostuhl
Süddeutsche Zeitung: Mitarbeiterin wegen Bürostuhl gekündigt - Gericht äußert Zweifel
ZEIT online: Bistum unterliegt im Streit um Kündigung wegen Bürostuhl

Anmerkung:
Für die Entscheidung maßgeblich dürfte der Grundsatz sein, dass die nötigen Arbeitsmittel vom Arbeitgeber bereit gestellt werden müssen. Das gilt für die Bereitstellung von Arbeitsplatz und Arbeitsmaterialien bis hin zu Geräten, Büroausstattung oder Dienstfahrzeugen und dem nötigen Verbrauchsmaterial. Auch die Büroausstattung in einem Dienstgebäude wird vom Arbeitgeber gestellt, der im Übrigen auch die Kosten für Heizung, Strom- und Wasserverbrauch trägt. Das müsste dann doch auch genauso gelten, wenn die Arbeitsleistung nicht mehr in einem Dienstgebäude sondern im Homeoffice erbracht werden muss. Allerdings bringt die Umsetzung dieses Grundsatzes beim "Homeoffice" einige Unklarheiten mit sich.
Wie ist das etwa mit dem erhöhten Stromverbrauch für den PC? Wie ist das mit Arbeits-, Gesundheits- und Unfallschutz?
Bereits im Dezember letzten Jahres hat das Bundessozialgericht in Kassel entschieden, dass auch betriebliche Wege innerhalb der Wohnung versichert sind und ggf. Leistungen aus der beruflichen Unfallversicherung gewährt werden müssen (Az: B 2 U 4/21 R, Pressemitteilung Bundessozialgericht, Bericht Tagesschau). Dann ist es auch folgerichtig, dass der Arbeitgeber beim Homeoffice die Mittel zum Gesundheitsschutz bereitstellen muss, die er auch in der Betriebsstätte - also dem eigenen Dienstgebäude - bereitstellen müsste. Vor diesem Hintergrund hätte der Arbeitgeber also auch für das Homeoffice einen ergonomischen Bürostuhl - wie im Dienstgebäude selbst - zur Verfügung stellen müssen.
Die Entscheidung ist allerdings noch nicht veröffentlicht. Man darf daher auf die Begründung des Kölner Arbeitsgerichts gespannt sein.
Das Urteil ist in anderem Kontext bis in die bundesweiten Tagesmedien gelangt. Die Entscheidung ist wichtig, aber noch nicht rechtskräftig. Wenn man sieht, dass anderswo schon die Mitnahme von Kopierpapier (wenngleich nicht für berufliche Zwecke) als rechtfertigender Kündigungsgrund genannt wird, dann ist durchaus mit einer Berufung und einem weiteren Verfahrensgang zu rechnen.

Dienstag, 18. Januar 2022

EuGH stärkt Rechte von Leiharbeitern - EuGH zu Lehrkräfte im Fach Katholische Religion: nötige Kirchenbescheinigung rechtfertigt befristete Arbeitsverträge

Die Rechtsprechung des EuGH war hier - insbesondere in Zusammenhang mit Loyalitätspflichten - immer wieder ein Thema. EU-Recht geht vor, sagt der Europäische Gerichtshof, selbst wenn sich die Mitgliedstaaten auf ihre Verfassung berufen.
Schon die allerersten EuGH-Urteile zu Anfang der 60er Jahre haben den Vorrang des Europarechts selbst vor dem nationalen Verfassungsrecht begründet. Die Römischen Verträge waren zunächst Verträge, die die Mitgliedsstaaten zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit verpflichteten. Dann aber interpretierte der EuGH diese zwischenstaatlichen Verträge als eine supranationale Rechtsordnung, aus der die Wirtschaftssubjekte unmittelbar Individualrechte gegenüber ihren Staaten ableiten können. Und zwar Rechte, die die nationale Gesetzgebung und die nationale Verfassung ausschalten können.
(Quelle: Interview der Hans-Böckler-Stiftung). Das ist auch logisch. Wer gemeinsam mit anderen agiert - auch schon bei Spiel und Sport - muss sich den gemeinsamen Regelungen unterwerfen. Sonst wird aus der Gemeinsamkeit schnell Zerfall. Daher berichten wir immer wieder von Urteilen des EuGH, die sich auf das Arbeitsrecht auch bei Arbeitnehmern im Kontext mit kirchlichen Einrichtungen auswirken.


Die Entscheidung Az. C-514/20 zu Überstundenzuschlägen wird u.a. von der Tagesschau besprochen:
Der EuGH hat die Rechte von Leiharbeitern bei der Berechnung von Zuschlägen für Überstunden gestärkt: Diese müssten auch in Monaten genehmigt werden, in denen sie wegen Urlaubs nicht auf eine Mindestzahl reiner Arbeitsstunden kommen.
weitere Quellen:
Ihre Vorsorge.de: EuGH stärkt Rechte von Zeitarbeitern
t-online: Deutsche Zeitarbeitsregel verstößt teils gegen EU-Recht
Zeit online: EuGH stärkt Zeitarbeiter bei Berechnung von Überstundenzuschlägen
Selbstredend, dass das auch für kirchliche Einrichtungen gilt. Wir haben nicht die Möglichkeit, jede kirchliche Regelung auf die Übereinstimmung mit den Anforderungen des EuGH "abzuklopfen".
Wie in den AVR der Caritas Überstunden definiert und Zuschläge geregelt sind, beschreibt Wolfram Schiering hier "klick"



Der EuGH hat weiter eine Entscheidung in der Rechtssache C-282/19 zu Lehrkräften im Fach Katholische Religion getroffen. Nach der PRESSEMITTEILUNG Nr. 1/22 vom 13. Januar d.J. wird die Erfordernis eines von einer kirchlichen Stelle ausgestellten Befähigungsnachweises (Missio canonica bzw. Nihil obstat) nicht in Frage gestellt. Diese Erfordernis rechtfertigt zudem befristete Arbeitsverträge mit staatlichen Stellen:
Es liegt keine Diskriminierung wegen der Religion oder im Hinblick auf die Befristung des Arbeitsverhältnisses vor
Quelle: Pressemitteilung des EuGH Nr. 1/22

Montag, 17. Januar 2022

@Rechtslupe nimmt die Eingruppierung eines Abteilungsleiters in einem katholischen Krankenhaus "unter die Lupe"

zum Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 17. November 2021 – 4 ABR 1/21
Mitarbeiter in der Pflege leiten im Regelfall dann einen Bereich oder eine Abteilung iSd. Entgeltgruppe P 14 des Anhangs D zur Anlage 31 der Richtlinien für Arbeitsverträge in den Einrichtungen des Deutschen Caritasverbandes (AVR Caritas), wenn ihnen mehrere Stationen mit eigenen Stationsleitungen fachlich unterstellt sind. Aus dem Begriff „in der Regel“ wird aber deutlich, dass im Ausnahmefall auch andere Faktoren für die Bewertung maßgeblich sein können, ob ein Bereich oder eine Abteilung geleitet wird.
Quelle und mehr auf rechtslupe.de

Sonntag, 16. Januar 2022

Zum Gedenken: Nikolaus Groß

Wir gedenken heute des sel. Nikolaus Groß (1898-1945); eines Bergmanns, Gewerkschafters und Aktivisten der Katholischen Arbeiterbewegung, der aufgrund seines Widerstands gegen den NS und vermuteten Verbindungen zum Attentat vom 20. Juli in Berlin-Plötzensee hingerichtet wurde.

Foto: Wikipedia

Samstag, 15. Januar 2022

Samstagsnotizen: Wie weiter mit unserer Kirche (3)

Die Vorsitzende der Münchner Aufarbeitungskommission - Psychologin Michaela Huber zweifelt an Reformbereitschaft der Kirche.
Sie müsse einsehen, "dass sie kein eigener Kosmos sein kann, der außerhalb der Gesellschaft existiert, der seine eigenen Rechte, seine eigene Justiz hat". Dies sei "nicht zeitgemäß". Zugleich zweifelt die 57-Jährige an der Reformbereitschaft der Kirche. Ein hierarchisches System von der Basis her zu verändern, sei fast unmöglich. "Das Einzige, das die Kirche tun kann, ist, dass sie sich sofort einem anderen Menschenbild verschreibt und sich oben an der Kirchenspitze etwas ändert."
berichtet "Kirche und Leben".
Man kann daran zweifeln, ob - selbst angesichts der explodierenden Austrittszahlen, sei es in Köln oder in Münster - tatsächliche "Reformbereitschaft" besteht.
Wir haben schon mehrfach deutlich gemacht, dass die "Mißbrauchsdebatte" nur extrem deutlich die Fehler aufdeckt. Diese Fehler sind in
- einem irrigen Menschenbild und
- einem systemischen Vertuschungsverhalten (was nicht sein darf, kann auch nicht sein)
zu suchen.
Das Priestertum ist nun mal ein Leitungsdienst. Insofern verleiht es denen, die es innehaben, Macht über diejenigen, die es nicht innehaben. ...
Dr.Dr. Rothe, "Missbrauchte Kirche", S. 84

Das Priestertum ist darauf angelegt, zwischen den Mächtigen und den dienstbaren Personen zu unterscheiden. Dementsprechend fallen Kleriker auch nicht unter die Grundordnung (Artikel 2 Abs. 3 GrO). Sie sind zwar Teil der "Dienstgemeinschaft", aber als "Herrschende", als "Dienstherren" (oder wie es unter Verdrehung der Wortbedeutung heißt, als "Dienstgeber") und nicht als diejenigen, die den Dienst leisten - im Sinne von "dienstbaren Geistern", von Dienstmägden und Dienstknechten. Was in der "Männerkirche" für die Frauen gilt, gilt für alle Laien gleichermaßen. Eine faire Partnerschaft auf Augenhöhe kann es solange nicht geben, solange die Bischöfe nicht bereit sind, ihre Macht als "Dienstherren" über die "dienstbaren Geister" abzugeben und zu teilen.

Warum kann man nicht einfach feststellen, dass auch Kleriker - bis hin zu den Bischöfen - schlicht und einfach primär "Menschen" (vgl. Phil. 2,7; Katechismus Nr. 463) sind? Und darum Ängste und Schwächen haben? Menschlich halt ...

Weil aber der Priester als Kleriker die Stellvertreter Gottes sein sollen, darf der Priester auch nicht menschlichen Anfechtungen - gar Keuschheitsanfechtungen - ausgesetzt sein. Es gilt, den Anschein der Standhaftigkeit zu wahren und keinen Schatten auf das Licht der "Heiligen Kirche" fallen zu lassen.
  • Daher wird bei Klerikern, den "Brüdern im Nebel" vertuscht und unter den Teppich gekehrt. Möglichst wenig wissen und möglichst keine Verantwortung übernehmen und die Wahrheit mit Chiffreen verklausulieren ist die systemische Reaktion. Das Fehlverhalten des Klerikers könnte ja einen Schmutzfleck auf dem Mantel der Kirche bilden. "Das eigene Nest wird nicht beschmutzt" lautet die Devise. Dass aber das Nest ggf. bereits beschmutzt ist, und der Schmutz ausgekehrt werden muss um wieder ein sauberes Nest zu haben, wird bei klerikalen Tätern geflissentlich übersehen. "Augen zu und durch" scheint die Devise.
  • Daher wird in Art. 4 der Grundordnung von den eigenen MitarbeiterInnen, den Dienstboten, schon ein "Heiligenmäßiges Leben" bis hin in das häusliche Schlafzimmer gefordert. Und damit das auch eingehalten wird, behalten sich die Verkünder der "frohen Botschaft" gegen die Nichtkleriker entsprechende Sanktionen bis hin zur Kündigung eines Arbeitsverhältnisses vor (Art. 5 GrO). Druck und Nötigung statt "frohe Botschaft"?

Was für den Mißbrauch gilt, ist im spezifisch kirchlichen Arbeitsrecht des III. Weges ebenso angelegt. Einerseits behalten sich die Bischöfe eine Letztentscheidung und damit die Macht über arbeitsrechtliche Regelungen vor (Art. 7 Abs. 1 S. 3 GrO). Andererseits wird die Verantwortung auf Kommissionen abgeschoben, in denen die Dienstherren einerseits und die abhängig beschäftigten andererseits zu einem Konsens finden müssen - und ohne Zustimmung der Dienstherren geht gar nichts. "Kollektives Betteln" also, wie das Bundesarbeitsgericht urteilte.

Ja, die Kirche braucht umfassende Reformen. Sie muss sich zu fairem und partnerschaftlichem Umgang auch und gerade mit ihren arbeitenden MitarbeiterInnen bekennen. Und das geht - so das päpstliche Lehramt - mit den Gewerkschaften. Damit könnte man ja schon einmal anfangen. Nicht heute und sofort - morgen (wortwörtlich) reicht, zumindest mit einem ersten Gesprächsangebot seitens der Bischöfe.

Neues zur Tarifrunde Sozial- und Erziehungsdienste:

im Mitgliedernetz von ver.di sind die entsprechenden Informationen eingestellt:
Aufwertung der Sozialen Arbeit - Mehr braucht mehr!

Steigende Anforderungen, während der Druck auch auf die Soziale Arbeit nicht nur wegen der Corona-Pandemie immer weiter steigt: Wir brauchen endlich bessere Arbeitsbedingungen und die Aufwertung der Berufe im Sozial- und Erziehungsdienst und kämpfen dafür!

2020 hatten wir schon mal Anlauf genommen und mussten dann wegen Corona mit vollem Schwung bremsen, aber nun geht unsere Tarifrunde für bessere Bedingungen der sozialen Arbeit wieder an den Start! Soziale Arbeit, das sind die Kolleg*innen in den Kitas, im „Ganztag“, in der Sozialarbeit und Behindertenhilfe – Soziale Arbeit hält die Gesellschaft zusammen und den Laden am Laufen, durch die Betreuung der Kleinen, durch den Einsatz da, wo Menschen Unterstützung brauchen. Für das alles wächst zwar der Bedarf stetig, aber nicht die Anerkennung und Wertschätzung.

Wir sind uns daher total einig, was wir wollen:
  • Bessere Arbeitsbedingungen!
  • Mehr Fachkräfte!
  • Ordentliche Bezahlung!
Die konkreten Forderungen hat die Bundestarifkommission öffentlicher Dienst (BTK öD), mit ihren rund 100 Mitgliedern am 17. Dezember 2021 beschlossen.

Mehr Infos im Flugblatt
aktuell also das Forderungsflugblatt https://mitgliedernetz.verdi.de/gruppen/wsp/278/areas/8873/documents/1572/details