Sonntag, 17. März 2019

Sonntagsnoitzen - nach Lingen, was bleibt?

Die Erwartungen waren hoch - und die Blicke der interessierten Öffentlichkeit auf die Bereiche "sexueller Missbrauch" und (schon deutlich weniger) auf das Thema "Finanzskandale" gerichtet, auf Frauenrechte, Zölibat, auf viele kirchlichen Themen, die nicht mehr "zeitgemäß" erscheinen, die aber alle zusammen im Kontext unter dem Oberbegriff "klerikaler Machtmissbrauch" subsummiert werden.
Da hat dann Thüringens Ministerpräsident Ramelow während der Bischofskonferenz noch ein Thema angesprochen, das (zumindest im Licht der breiten Öffentlichkeit) fast unterzugehen scheint: kirchliches Arbeitsrecht sei "überarbeitungsbedürftig"
Kirchliches Arbeitsrecht "kein zukunftsfähiger Weg"


Den sogenannten dritten Weg im kirchlichen Arbeitsrecht hält der Thüringer Regierungschef ebenfalls "für dringend überarbeitungsbedürftig". Er verwies unter anderem auf das kürzliche Urteil des Bundesarbeitsgerichts in Erfurt zum Fall eines wiederverheirateten katholischen Chefarztes. Der "dritte Weg" sei seines Erachtens "kein zukunftsfähiger Weg, jedenfalls nicht dort, wo diese Aufgaben im allgemeinen Wettbewerb erbracht werden", sagte der Linken-Politiker. Es wäre einfacher, es würde für alle Arbeitnehmer das gleiche Recht gelten. Innerhalb dieses Systems könnte man sogar weiter konfliktvermeidend arbeiten und damit bessere Standards setzen - "ohne den kirchlichen Schutzmantel, der am Ende immer nur zum Streitfall an sich wird".

Für ihn gebe bei all diesen Überlegungen zugleich eine klare Grenze: "Der Staat hat im Bereich der Verkündung nichts zu suchen. An der Kirchentür hört sein Einfluss auf, da ist die Grenze", sagte Ramelow. (epd)
Quelle 1 und Quelle 2

Eine offizielle Reaktion konnte von uns jedenfalls in den einschlägigen Medien nicht festgestellt werden. Allerdings hat sich inzwischen Erfurts Bischof Neymeyr zu Wort gemeldet.
Mit Blick auf den "Dritten Weg" betonte der Erfurter Bischof das partnerschaftliche Miteinander von Dienstgebern und Dienstnehmern in kirchlichen Einrichtungen und das Ziel einer konsensorientierten Konfliktlösung ohne Arbeitskämpfe. "Der 'Dritte Weg' ist ein Weg, den wir als Kirchen gerne weitergehen möchten", so Neymeyr. Ramelow hatte den "Dritten Weg" gegenüber dem epd dagegen als "dringend überarbeitungsbedürftig" bezeichnet und dabei unter anderem auf das jüngste Urteil des Bundesarbeitsgerichts zum Fall eines katholischen Chefarztes verwiesen, dem 2009 von einem katholischen Krankenhaus wegen seiner Scheidung und Wiederheirat gekündigt worden war.
Quelle 3.

Wir wollen jetzt nicht darüber spekulieren, wie intensiv der Bischof aus Erfurt die päpstlichen Sozialenzykliken gelesen hat. Und wir möchten uns auch nicht über die Frage ausbreiten, wieso diesseits der Oder-Neiße durch die katholischen Kirche ein anderes Verhältnis zu Gewerkschaften gepflegt wird als jenseits, als in Italien oder sogar im Vatikan.
Vielleicht ist auch die drängende Aufforderung zur "Entweltlichung" von Freiburg im Breisgau noch nicht bis Erfurt durchgedrungen. Das wäre bei dem Lärm, den ein nach dem anderen herunter krachender Balken im Kirchenschiff verursacht, auch zu verständlich. Da hört man dann das leise Knistern, das einen neuen Riss im Mauerwerk ankündigt, nicht so leicht.
Wir können aber festhalten, dass die Weigerung der Kirche, mit Gewerkschaften zu kooperieren, nicht geeignet ist, kirchliche Einrichtungen vor Arbeitskämpfen zu bewahren. Dafür hat das Bundesarbeitsgericht hohe Hürden gesetzt, die ohne Gewerkschaften nicht zu überwinden sind. Und das Bundesverfassungsgericht hat bestätigt, dass in keiner kirchlichen Einrichtung ein Arbeitskampf unzulässig ist. Zumindest die tarifvertragliche Friedenspflicht besteht weder bei der Caritas noch der katholischen Kirche.

Möglicherweise konnte Bischof Neymeyr auch die Einführung von Prof. Dr. Julia Knop (Erfurt) und den Vortrag von Prof. Dr. Gregor Maria Hoff (Salzburg) nicht hören.
Knop erinnerte: "Die deutschen katholischen Bischöfe beschäftigen sich mit Macht in der Kirche, mit dem Zölibat als verpflichtender priesterlicher Lebensform und mit der kirchlichen Sexualmoral" und machte zum Thema "Machtmissbrauch" deutlich, "dass die katholische Kirche in Deutschland jeglichen Kredit verloren hat."
Quelle: Redemanuskript auf der hp der DBK "klick 1"
Hoff sprach von einem Systemproblem. Dieses lasse sich nur durch kirchliche Gewaltenteilung und Machtkontrolle von innen und außen lösen. Dies seien Mittel gegen die „Verselbstständigung einer unheiligen Macht, die an ihre Heiligkeit noch glauben kann, wenn sie diese missbraucht“.
Quelle: Redemanuskript auf der hp der DBK "klick 2"

Wir möchten zum Thema "klerikaler Machtmissbrauch" nun einen aktuellen Gastbeitrag von Berlins Erzbischof Koch in der B.Z. aufgreifen.
Der Berliner Erzbischof Heiner Koch ruft zu mehr Engagement gegen Niedriglöhne und Altersarmut auf. „Es kann nicht gerecht sein, wenn hart arbeitende Menschen zu wenig zum Leben haben oder im Alter von der Hand in den Mund leben müssen.“
Quelle 4

Sollte es den Bischöfen wirklich entgangen sein, dass gerade die gegenseitige Konkurrenz der verschiedenen Tarife und AGBs in der Sozialbranche diese Niedriglöhne und Altersarmut hervorbringt? Und dass die Weigerung zu gewerkschaftlicher Kooperation, um diese Preiskonkurrenz zu beenden, von den kirchlichen Wohlfahrtsverbänden und auf ausdrückliche Anordnung der Bischöfe (Grundordnung), nicht aber von den Gewerkschaften ausgeht?

Bischof Bode fordert (zurecht) eine Kirche ohne Doppelmoral. (weitere Quelle)
Das darf vor der Umsetzung der eigenen kirchlichen Soziallehre mit der Betonung des Gewerkschaftsprinzips nicht "Halt machen".

Ja, viele katholische Gewerkschafter sind enttäuscht - weil sich die katholische Kirche in Deutschland immer noch zu einem Sonderweg bekennt, der sehr wenig mit der eigenen Soziallehre und sehr viel mit klerikaler Macht zu tun hat. Aber wahrscheinlich war auch gar nichts anders zu erwarten.
Jetzt soll es also ein "verbindlicher synodaler Weg" richten, der dann auch Fragen um das Zölibat und die kirchliche Sexualmoral aufgreifen soll. War's das an Problemen? Gibt es nicht drängendere gesellschaftlich relevante Fragen als die frei gewählte Lebensform von katholischen Priestern? Wir möchten uns im Tenor unserer Problemanzeige dem Münchner Generalvikar anschließen: "Wir können so nicht weitermachten" hat Generalvikar Dr. Beer beim Diözesantreffen des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) gewarnt. Und dabei die Tragödie in zwei Worten charakterisiert: "Zu spät“.

Vielleicht muss man ja wirklich langsam und zögerlich voran schreiten, um alle mit zu nehmen. Vielleicht braucht es dazu auch den einen oder anderen sanften Druck und leichte Schubser. Und man kann als Katholik dann noch beten und hoffen, dass dieser sanfte Druck nicht doch schon zu spät ist.

Weitere Stimmen zur Bischofskonferenz:
Kirche + Leben: Experten raten Bischöfen zu neuer Sicht auf Sexualität und Macht
Kirche + Leben: Kommentar zur Bischofskonferenz: Mut sieht anders aus
Kirche + Leben: Reaktionen auf Pläne - Bischöfe zu entschlossenen und raschen Reformen aufgefordert
Domradio: Reaktionen auf geplante Maßnahmen der Bischöfe - Nicht ausnahmslos nur Lob
Domradio: Theologe Müller: Bischöfen fehlt Mut zu radikalen Schritten - Erwartungen nicht erfüllt
Domradio: Katholische Bischöfe wagen den Befreiungsschlag - Unter dem Druck der Gläubigen bewegen sich die Oberhirten
mk-online: "Wir können so nicht weitermachen"
„Wir müssen ernsthafter und schneller diskutieren – die Welt wartet nicht auf uns.“
Süddeutsche Zeitung: "Wir müssen nicht auf Rom warten"
Die Personalstrategie steht ebenfalls auf dem Prüfstand, nicht zuletzt das kirchliche Arbeitsrecht, das bislang häufig zum Beispiel Wiederverheiratete diskriminiert. Auf diese Weise finde man schwerlich neues Personal, sagt Beer. "Es kommt keiner in den kirchlichen Dienst, wenn wir Loyalitätsverpflichtungen haben, die als willkürlich erlebt werden."

"Warum nicht auch einen gewissen Druck, einen gewissen Veränderungswillen sichtbar machen? Sonst ändert sich nie etwas."
Zeit-online: "Das ist die Wende"
Deutschlands Bischöfe sind radikal unterwegs – in der Wahl ihrer Worte

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